22. Februar 2007

la piaf

sie stürzte
durch die zeit

ob leidenschaft
ob trunkner tanz

sanft streichle deine rouge
bedeckte blässe – das war
worauf dir alles zielte

non, je ne regrette rién bis
zum tod gesungen
und ewig tönt die stimme
im rive gauche


by ELsa



Non ! Rien de rien
Non ! Je ne regrette rien
Ni le bien qu'on m'a fait
Ni le mal tout ça m'est bien égal !

Non ! Rien de rien
Non ! Je ne regrette rien
C'est payé, balayé, oublié
Je me fous du passé !

Avec mes souvenirs
J'ai allumé le feu
Mes chagrins, mes plaisirs
Je n'ai plus besoin d'eux !

Balayées les amours
Et tous leurs trémolos
Balayés pour toujours
Je repars à zéro

Non ! Rien de rien
Non ! Je ne regrette rien
Ni le bien, qu'on m'a fait
Ni le mal, tout ça m'est bien égal !

Non ! Rien de rien
Non ! Je ne regrette rien
Car ma vie, car mes joies
Aujourd'hui, ça commence avec toi !

12. Februar 2007




ich sehe leben

ein gesicht überzogen
mit zerfurchten
sonnenstrahlen
die sich um
augen fälteln

darin jahrzehnte
noch immer lächelnd


by ELsa

11. Februar 2007

Hommage an meine Freundin Elfriede Gerstl

Ich lernte Elfriede Gerstl in den späten Achtzigern kennen. Es war eine überaus inspirierende erste Begegnung in einem Wiener Kaffeehaus mit der großen Literatin, die mir klein und zart gewachsen gegenüber saß. Das ausdrucksstarke Gesicht halb im Schatten ihres breitkrempigen Hutes. Elfriede, die Hutträgerin – ich glaube, ich habe sie kaum ohne dieses Accessoire gesehen.
Unsere Begegnung, aus der eine lockere Freundschaft entstand, war inspirierend, da Elfriede mich ermutigte zu schreiben. Und ich hatte die große Ehre, damals als Einzige in Wien ihre Texte bei meinen Performances vortragen zu dürfen.
Spät im Leben erst wurde Elfriede Gerstls literarisches Schaffen gewürdigt. Und ich freue mich, dass sie es im Gegensatz zu anderen großen Schriftstellern noch erleben und genießen darf.

zeit-los

mit roten locken
behütet blicken
augen groß in die
zeit war dir noch
nie verloren – stolz
gehst du deinen weg
von moden unberührt

By ELsa

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Hörversion von ELsa: mit allem

Elfriede Gerstl:

mit allem
ist alles mit allem
alles mit allem ist
mit alles mit allem in Beziehung
ist

mit allem in diesem Haus
ist mit

aller Anfang beginnt
die Straße zum Beispiel
vor diesem Haus zum Beispiel ist
sagen wir es ruhig
belebt
belebte junge Männer
stehen mit ihren Hüften und Seelen
im Tagesanbruch da
nachdem sie
sagen wir es ruhig
im Kleist-Casino
rechts vom Tor, wenn man ihm gegenübersteht
oder der Kleist-Quelle
links vom Tor, wenn man ihm gegenübersteht
gewesen sind
mit ihresgleichen
wie man sagt
wenn man die Skala der Varianten vernachlässigt
wie man sagt
Juden, Kommunisten, Gastarbeiter, Zahnärzte
rechts oder links vom Tor, wenn man ihm gegenübersteht
wenn man die Skala der Varianten vernachlässigt,

jedes Haus hat zum Eindringen sein Tor
das Tor dieses Hauses steht offen
in der Dunkelheit riecht es nach
Hunden, Urin und altem Bier
die braunen Glasscherben in den Pfützen
sind scharfe Sachen
auf die schöne junge Männer,
wie Holger und Joe
Gammler
wie man sagt
rechts oder links vom Tor
wenn man davorsteht
achten müssen
zum Beispiel beim Stehen, Steigen, Liegen
auf den Treppen
bevor sie sich mit ihren Mänteln und Unterarmen
zum Schlafen einrichten

geh nicht hin sagt Frau Bartsch wo sie bei Tag und Nacht
stehen und sitzen

alles kleine und schwarze Männer
die Messer in der Tasche tragen
die einerseits nach Öl andererseits nach Zwiebel riechen
die mit Koks handeln
die nach Frauen trachten
die den Tripper einführen

alles kleine und schwarze Männer
die nach Messer riechen
die einerseits mit Öl andererseits mit Zwiebeln handeln
die nach Koks trachten
die Frauen einführen
die den Tripper tragen

alles kleine und schwarze Männer
die mit Messer handeln
die einerseits nach Öl andererseits nach Zwiebeln trachten
die Koks einführen
die Frauen in der Tasche tragen
die nach Tripper riechen

alles kleine und schwarze Männer
die nach Messer trachten
die einerseits Öl andererseits Zwiebeln einführen
die Koks in der Tasche tragen
die nach Frauen riechen
die mit Tripper handeln


alles kleine und schwarze Männer
die Messer einführen
die einerseits Öl andererseits Zwiebeln in der Tasche tragen
die nach Koks riechen
die mit Frauen handeln
die nach Tripper trachten

geh nur, sagte Frau Bartsch, nicht hin
wo sie bei Tag stehen und bei Nacht sitzen was sagte Grit
wird sagte Grit
mir sagte Grit
schon sagte Grit
geschehen sagte Grit
oder auch nur ohne großes Nachdenken wie es der Brauch ist
was wird mir schon geschehen Tante Barbara
Blut sagte Frau Bartsch

Grit hat die Wahl
ein Blümchen (Trampel) im verborgenen zu sein
eilige verheiratete Männer auszuleihen
die kleinen schwarzen Männer mit den schmalen
Betten und Börsen und dem armen Vokabular
Grit hat die Wahl
an den jeweils heimlich Geliebten zu denken
der nichts merkt
der (sich) nichts (an)merken lässt, weil weil (was soll das)
den sie zu verlieren (gewinnen) fürchtet
oder (doch)
die sachliche Gymnastik in den rasch gemieteten Zimmern mit
den frischen Handtüchern
oder die fiebrigen schwarzen Männer mit den Holzkohlen-
blicken, der Eifersucht und dem armen Vokabular
oder ein Blümchen (Trampel) zu sein
Grit hat die Wahl

Elfriede Gerstl
wurde 1932 in Wien geboren und überlebte als Jüdin die NS-Zeit in mehreren Verstecken. Sie studierte Medizin und Psychologie, brach das Studium ab, heiratete Gerald Bisinger; Geburt einer Tochter.
Als einzige Frau im Umkreis der Autoren der ›Wiener Gruppe‹ und der frühen Aktionisten, die aus Wien vertrieben wurden, lebte sie in den bewegten 60er Jahren in Berlin, seit 1968 wieder in Wien, wo sie konsequent außerhalb des Literaturbetriebs steht.
Veröffentlichungen seit der Mitte der 50er Jahre; für ihr Werk erhielt sie zuletzt den Erich Fried Preis und den Georg Trakl Preis, 2004 den Ben Witter Preis. Zuletzt erschienen: Alle Tage Gedichte (1999), Die fliegende Frieda (Jugendbuch, 1998), Kleiderflug (1995), Unter einem Hut (1993).

1965 und 1978 Förderungsbeitrag des Wiener Kunstfonds der Zentralsparkasse Wien für Literatur
1973 Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur
1978 Förderungspreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst
1982 Preis der Literatur-Initiative der Girozentrale Wien
1982 und 1983 Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
1984 Würdigungspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur
1990 Würdigungspreis der Stadt Wien für Literatur
1999 Georg-Trakl-Preis für Lyrik
1999 Erich Fried Preis
2003 Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien
2004 Ben-Witter-Preis

1. Februar 2007



jetzt wo alles gesagt ist
über jahre gesammelter hass
jegliche nähe erstickend
giftfontänen spritzen
zersetzend - aus mündern
die einst worte der liebe
flüsterten

jetzt wo alles gesagt ist
zerbrochen die panzer
der selbstbeherrschung
des wegsehens - ist es zeit
sich einzusammeln
zu weinen über verlorenes
ein jeder für sich

jetzt wo alles gesagt ist
beginnt die freiheit zu reden
von der klippe des schweigens
in die wahrheit gesprungen
steine behauen
etwas neues
jetzt

Hörversion

by ELsa

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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