28. Februar 2008



Duell

und so kämpfe ich Tag
für Tag mit mir gegen Wut
Egoismus und Neid

duelliere mich
mit meiner Gier abends
wenn ich vom Schlachtfeld komm
es Stille wird und Teewasser singt
atme ich auf

wieder einmal gewonnen


by ELsa
Foto : Uta Herbert bei http://www.pixelio.de/index.php

22. Februar 2008



Der Tanzpalast
(inspiriert von Brecht/Weill, Bills Ballhaus in Bilbao aus Happy End und der Figur Seeräuber-Jenny aus Dreigroschenoper)

Der cremeweiße Hosenanzug mit glänzenden Satinrevers ist für die magere Gestalt zu weit, zu groß.
Ein heißer Windstoß fährt über den weiten Platz. Jenny presst Jacke und Hose an ihren Leib, während sich ihre Rückseite aufplustert. Sie stemmt sich gegen die Böe, sie ist schwach und zart geworden in letzter Zeit.
„Irgendwie halte ich das nicht mehr gut aus ...“ Sie leckt über die ausgetrockneten Lippen. Etwas steif in den Beinen geht sie weiter. Es ist mehr ein Schlurfen, denn die weißen Satinpumps sitzen nicht richtig, auch sie sind zu weit, zu groß geworden. Jenny muss sich sehr konzentrieren auf ihrem Weg über die Plaza Nueva, denn der Boden ist aus glatt polierten Quadern. Der weiße Strohhut rutscht bei dem nächsten Windstoß tief in ihr Gesicht.
„Sogar der Schädel fängt an zu verschwinden ...“, sagt sie und rückt ihn wieder zurecht.
Das Gebäude, auf das Jenny zustrebt, sticht aus dem gediegenen, gutbürgerlichen Ensemble rund um den Platz hervor. Verziert mit unzähligen Türmchen und Balkons, sieht es aus wie eine Hochzeitstorte mit rosarotem Zuckerguss. Jenny schüttelt den Kopf darüber. „Sehr alt sind wir in Wahrheit und müde, so müde ... wir sind maskiert, damit niemand es bemerken kann, was wir so alles erlebten, überlebten. Nur du und ich wissen noch, wie wir wirklich sind.“
Einer der Fensterläden aus Holz schlägt im Wind, Jenny grinst, auch wenn sie erschöpft ist. Sie hat eine lange und anstrengende Reise hinter sich. Dazu die Erregung, hierher zu kommen – zuletzt war sie vor fünfzig Jahren hier gewesen.

Im Moment wünscht sie sich nichts anderes, als in einem bequemen Fauteuil zu versinken und einen kühlen, sahnigen Cocktail Blue Hawaii zu schlürfen. Früher gab es hier in diesem Etablissement, das sie jetzt betritt, nur Rum oder billigen Brandy.
Der livrierte Portier hält Jenny die Tür mit einer Verbeugung auf. Nach der abendlichen Hitze, dem Wind, umfängt sie Kühle.
„Klimatisiert, oh du mein Gott“, sagt sie und betritt den Saal. Ihre Füße versinken im plüschigen weinroten Teppichboden. Jenny amüsiert sich über ihr eigenes Erstaunen. „Was ist“, sagt sie zu sich selbst, „dachtest du wirklich, es würde sein wie damals?“
Früher hieß der Laden Bills Ballhaus. „Tanzpalast, blödes Wort.“
Üppige Fauteuils anstatt der rauen Holzbänke, noble Wandleuchten haben die rußenden Petroleumlampen abgelöst.
Ja, das Klavier. Es steht noch dort, wo es immer schon gestanden hat, doch jetzt ist es ein eleganter, schwarz glänzender Flügel statt des alten Pianos.
„Das ist es schon. Eben anders.“ Jenny sucht sich einen Fauteuil nahe dem Klavier aus.

Mit einem Seufzen sinkt sie in den weichen Samt. Sogleich steht ein Kellner mit dem Bestellblock neben ihr.
Jenny lacht: „Hoppla, so etwas bin ich hier nicht gewöhnt!“
„Wie belieben?“, fragt der Kellner.
„Nichts, junger Mann. In meinem Alter neigt man zu Selbstgesprächen. Ich möchte einen Cocktail. Blue Hawaii. Haben Sie Zigarillos da?“
„Selbstverständlich.“
„Bringen Sie mir fünf Stück.“
Während sie auf die Bestellung wartet, schaut sie dem Pianisten zu, der lustlos langweilige Schlager klimpert. Auch er sieht müde aus und ist nicht mehr jung, aber um vieles jünger als Jenny.
Sie trinkt, legt dann den Strohhut ab und ordnet ihr hitzefeuchtes Haar.
Allmählich füllt sich der Tanzpalast mit Gästen. Diskrete Blicke streifen die alte Frau, die hustend ihren ersten Zigarillo nach vielen Jahren raucht.

Jenny ist zweiundachtzig Jahre alt und sieht aus wie hundert. Obwohl sie das weiß, hat sie die Lippen dunkelrot ausgemalt. Sie kramt einen kleinen Spiegel aus der Tasche und wirft einen Blick hinein. Der rauchgraue Lidschatten hat sich im Seidenpapiergeknitter um die Augen abgesetzt, sie tupft darauf herum. Auch wenn sich Jenny nicht für die mitleidigen, teils spöttischen Blicke der Leute interessiert, die in ihren Augen genau so langweilig sind wie der Rest dieses Etablissements, möchte sie so hübsch aussehen, wie es nur möglich ist. Für sich.

Nach dem dritten Cocktail, dem zweiten Zigarillo ohne Hustenanfall, fühlt sie sich soweit gestärkt, dass sie zum Klavier geht und den Pianisten um eine Rumba bittet. Sie stellt sich in die Mitte der noch leeren Tanzfläche und wartet darauf, dass der Klavierspieler beginnt. Jenny hebt die Arme und legt sie um den Nacken ihres imaginären Partners.
„Rumba perfidia!“ Sie streift die Pumps mit dem ersten Tanzschritt ab, schließt die Augen. Dass der ganze Saal zusieht, stört sie nicht, denn nun schwebt sie in eine andere Zeit. Außer der Rumba dringt das besoffene Grölen, Gläserklirren von einst zu ihr, ja, sie riecht sogar den Staub, den Rauch.
Jemand klatscht, Jenny öffnet die Augen, merkt, dass sie sich immer noch wiegt, obwohl die Rumba längst verklungen ist. Sie steht in dem sterilen Tanzpalast, schlüpft in die Schuhe. Der ältere Herr applaudiert immer noch, Jenny nimmt ihn mit einem Zwinkern zur Kenntnis.

Sie wendet sich an den Pianisten: „Früher spielte hier Joe. Kennst du ihn?“
„Joe? Klar! Da war ich noch ein Kind. Es war uns streng verboten, nur die Zehenspitzen hier hereinzusetzen“, lacht er.
Sehr vorsichtig fragt Jenny: „Lebt er noch?“
„Er kommt nur noch selten hier vorbei – herein schon lange nicht mehr. Er starrt auf das Haus und dann fährt er wieder weg.“
„Ich möchte ihn noch einmal sehen ...“, sagt Jenny.
„Er wohnt nicht weit von hier ... soll ich ihn anrufen?“
„Bitte“, lächelt sie.

Als der Rollstuhl bei ihrem Tisch stoppt, grinst das ganze ledrige Gesicht Joes unter dem Panamahut: „Jenny, zum Teufel, Jenny ...“
„Joe, verdammt ...“
Jenny wischt die Tränen weg.
„Was warst du doch einst für eine hübsche Hure, Jenny. Meine Güte, bist du alt geworden.“
„Ja, Joe, lieber Joe, so wie du, du Komiker.“ Sie nimmt seine Hand und streichelt sie.
„Ach du Scheiße, Jenny, dieser Anzug ... ist es der von damals? Du hast ihn ja fast jede gottverdammte Nacht getragen!“
„Genau diesen Anzug, nur habe ich ihn gut ausgefüllt seinerzeit, was?“
„Jenny, ich fragte mich immer, wie du das geschafft hast damals, dass er so weiß bleiben konnte in dem Dreck hier?“
„Meerschaumpulver, Joe. Meerschaum draufgestreut am Morgen, dann schlief ich wie ein Murmeltier meinen Rausch aus. Abends ausbürsten, Flecken weg. Meerschaum saugt allen Dreck auf – jedenfalls aus Textilien ...“
Joe entzieht ihr die Hand, Jenny ahnt, was er wissen möchte. „Ich habe ihn geliebt. Er konnte nicht mehr heim ins Nazideutschland, wir lebten in Brasilien.“
„Der Doktor damals, er war ja verrückt nach dir ...“
„Und er hat mir das Brandysaufen abgewöhnt.“ Sie zieht einen Flunsch und Joe kichert.
Wieder greift sie nach seiner Hand, er überlässt sie ihr nun.
„Er war gut zu mir. Wir hatten es gut.“
„Er ...“
„... ist tot, ja.“
Minutenlang sehen sie einander an, erinnern sich schweigend an die Zeit vor Ewigkeiten.
Joe hustet. „Deswegen bist du so plötzlich verschwunden, Jenny. Niemand wusste etwas, als hätte dich der Teufel geholt. Was ja bei deinem Lebenswandel durchaus hätte möglich sein können.“
Jenny weiß, dass Joe sie geliebt hatte. Sie selbst fühlte immer nur Freundschaft. Ein paar Mal schliefen sie miteinander, er musste nicht bezahlen.
„Ach, Joe, das ist eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir morgen. Nein, es war nicht der Teufel. Er war mein Engel.“
Jenny sieht Joe in die Augen: „Ich bin zum Sterben zurück gekommen.“
„Ich weiß, Jenny. Aber es eilt ja nicht.“
Ihr Lachen, rau und verdorben, erfüllt den Tanzpalast.
Dann zwickt sie in Joes dünnen Schenkel.
„Joe? Mach die Musik von damals nach!“
Der alte Mann lächelt und rollt zum Klavier.


Hören: http://elsa-rieger.podspot.de

by ELsa


Petros hat sich etwas Wunderschönes zu dem Prosastück
einfallen lassen:

Haibun (glaube ich) ist der Name in der japanischen Literatur... wenn man kurze Verse in einen Prosa-Text einflicht.

nach "Windstoß tief in ihr Gesicht.":
Wie eine Feder
Wie ein Blütenblatt so leicht
Wird immer schwerer

nach "...fünfzig Jahren hier gewesen.":
Zeit, was ist schon Zeit
Gelebtes Sein ungelebt
Ist nur das Sterben

nach "...Zigarillo nach vielen Jahren geraucht.":
Träume immer wieder
Und ganz anders als gedacht
Nur der Dunst ist blau

nach "...Zwinkern zur Kenntnis.":
Zurück zurück in
In die Gegenwart tanzen
Selbstvergessenheit

nach "...ist tot,ja.":
Zwei die sich kennen
Aus Regenbogenwelten
Liebe war es (nicht)


Foto: Tangoschule Basel

18. Februar 2008



Spiegelgefecht

Die Augen stimmen. Noch.
Ungebrochen Blau. Zwischen Geknitter.
Jahre aus Lachen und Heulen.

Leben halt. Hochtrabende
Ziele kaum bis nicht oder andere. Erfüllt.

Statt Visionen Lücken
geschlossen derweil die Zeit
an den Knochen zieht. Träume.
Zu den Schäumen legen. Dort
schwappen sie leise und grau.

Obwohl – zwinkern kann ich.
Und wie!



by ELsa

16. Februar 2008



nein, das welken
schreitet voran
so zerfällt das
~ für immer ~
gedachte ersehnte genährte

es sei denn: wir er-lauben
uns frühlingserwachen


by ELsa

Petros kommentiert:

Ja, Frühling - Er
Wachen
Müssen wir
Die Knospen
Nähren auf
Brechen
Und biegen
Den Zweig
Ob neuer Frucht
In grüner Krone

by Petros

14. Februar 2008

nacht des heiligen trifun

nachts umher ging und schrie
so traurig: küssen wollt
unter zweigen ich
wo man die augen offen
bis zu himmel
schlafen kann


die nacht als sie sterne
in den wimpern trug
unerwartet: sie versank
im zarten birkenbaumschatten
dass mein herz
für immer gebrochen


©by Miro




wahrheit des entheiligten


und auch tulpen halfen
nichts gegen grauenhafte
öde blieb genau dort wo
es schlug für dich

was ist ewigkeit außer
theoretisches gewäsch
du meine güte ist das
unerträglich geworden


by ELsa

Foto: ELsa

Ein Kommentargedicht von Vinzenz:

Unerträglich ist, was alleine bleibt.

- Dreibeiner -

Alles schaffen
alles
wenn es nur gemeinsam ist.

Das ist die einzige Stütze
die uns unsere zwei Beine nicht sind.

Ohne sie fallen wir ewig
und schlagen endgültig auf.


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küssen wollt unter zweigen ich
– einatmen dich als blütenduft

so long baby – sagst du
versenkst in hosentaschen
deine hände

– gutgelernte tanzschritte

zwischen bougainvilleas
verschwindest du – ich schüttle den kopf


©Elsa Rieger



drei antworten

es war kalt: bei solcher nachtluft
frieren auch meine hände

hast du die traurigkeit gerochen
luftig breitete sie sich aus – zu laut und zu heftig

manche kehren wieder aus dem traum
– unbestellt –
und lieben noch mehr


© by @miro

Aus: Gemeinschaftsprojekt "Stadtlieben"


Foto: (c)Gerd Altmann/PIXELIO

7. Februar 2008



wer bin ich nur im schlaf II

über luftballons laufe ich in roten
highheels männern ohne gesicht
nach schergen eigentlich warum
stehe ich vor grünverschossenen
türen kein anschluss unter einbahnschildern
in meinen kleidern aus panzerglas und
galoppiere auf einem apfelschimmel
ins erwachen so allein im bett
mit einer ahnung von liebe

Hören

by ELsa

3. Februar 2008



Blitzlichter

schaukeln im rosenumrankten
Garten träger Sommerzeit
die nach Limonade schmeckt
ewig ist in Kindertagen

reiten zu Oasen und Datteln
pflücken in blauen Tüchern mit
Tuaregs tanzen im Zelt zwischen
Wüstenblumen

Lust die wilde Lust wird breit
im Schein der Nacht endlos das Lied
vom Verschmelzen bis das Licht
die Dämmerung teilt


by ELsa
Gemälde: Auguste Renoir

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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