27. April 2008



tilt

ich mach mich klein
am liebsten unsichtbar
zwischen jenen
die sich ausbreiten in der stadt
sie beherrschen mit:
reicherschönerbesser

das grellt. im ohr und augenwärts.

ich zittere: die welt
könnte untergehen.

doch alle tun weiter
als wäre es normal.

zurückkehren. in meins.

draußen sind regenbögen gestorben,
gesänge verstummt. da ist nichts mehr
was unterwegs bestäubt.


3. Version
by ELsa
Foto: Supernova NASA

25. April 2008



Die Blume des Bösen

Oskar rannte in eine Sackgasse. Er glaubte seine Panik riechen zu können oder war
es nur der Gestank aus den Gullys? Das Wetter würde umschlagen! Da türmte sich eine
Mauer aus gestapelten Bierkisten auf und versperrte ihm den Durchgang.
Jetzt haben sie mich gleich, dachte er und sein Herz tat einen Schlag wie ein Stein.
Oskar strauchelte, seine Brille rutschte von der Nase und zerbrach. Der Kleinere der beiden Männer kam mit erhobener Faust auf ihn zu, der andere geduckt. Schnell zog Oskar den Zettel aus der Hosentasche und schluckte ihn, bevor die Faust seinen Kopf traf. Er fiel vornüber in die Gosse. Beide traten zu. Sein Körper glühte vor Schmerz.
„Hör auf jetzt!“ befahl der Kleine und hielt inne. „Erst den Zettel.“
„Schon gut, Jack.“
Sie schleiften Oskar unter die Straßenlampe und durchsuchten ihn.
„Nix!“
„Scheiße! Was machen wir jetzt?“
„Halt’s Maul, Horst, ich muss nachdenken!“
Oskar leckte das Blut von seinen Lippen. Horst zerrte ihn hoch, doch seine Knie knickten ein.
„Stell dich nicht so an!“ knurrte Jack, „wir nehmen ihn mit!“
Offenbar hatte Jack das Sagen, er ging voraus, während Horst Oskar vor sich her schob.
Vor einem Transporter hielten sie an. Der Kleine schloss die Hecktüre auf und Oskar wurde hinein gestoßen.
Drinnen banden sie ihn auf ein Brett. Horst verklebte ihm den Mund mit Paketband.
„Was nun?“, fragte er kleinlaut.
„Was nun. Was nun“, äffte Jack ihn nach, „ohne den Zettel….“ Er pfiff durch die Zähne. „Na klar, er hat ihn verschluckt.“ Mit dem Ellenbogen stieß er Horst in die Seite und beide fingen sie an zu lachen. „Dann macht der Chef es noch ein Mal!“
Oskar riss die Augen auf. An den Wänden des Transporters stapelten sich Pakete. Auf einer Art Board, über dem eine Rolle Packpapier in einer Abreißhalterung angebracht war, lagen Schnur, Brieföffner und Kugelschreiber. Am Haken hingen zwei braune Overalls mit Wappen.
Horst nahm den Brieföffner und teste die Schärfe an seiner Fingerspitze. „Auweia!“
Er klatschte auf Oskars Oberschenkel. „Was haben wir denn da?“
„Was?“ Jack klang genervt.
„Der hat sich in die Hose gemacht!“
„Lass den Quatsch und mach hin!“, zischte Jack zurück.
Oskar schloss die Augen, er dachte an die vier Bier, die er vorhin in der Kneipe getrunken hatte. Langsam dämmerte es ihm. Klar, in dem Romanmanuskript, das er zuletzt abgelehnt hatte, war so was vorgekommen. Ein Serienmörder stellte berühmte Lyrikmorde nach. Mit der „kleinen Aster“ hatte es begonnen. Oskar war seit 15 Jahren Lektor in dem renommierten Verlag, der auch Klassiker und Lyrik herausgab. Er hatte den Plot reichlich albern gefunden und das dem Autor, einem Pete Petrella, unverblümt mitgeteilt.

Horst fing an, Packpapier abzurollen. In der Zwischenzeit schlüpfte Jack in einen der Overalls, setzte seine Kappe auf und kletterte nach vorn. Der Transporter setzte sich in Bewegung. Um Oskar wurde es dunkel und er drohte zu ersticken. In letzter Sekunde stach ihm eine Bleistiftspitze in die Nase. Durch das winzige Loch versuchte er zu atmen, dabei knackte das Papier leise. Um nicht vor Panik den Verstand zu verlieren konzentrierte sich Oskar auf die Bewegungen des Wagens und das Gedröhne des Motors.

Was war er doch für ein hochmütiger Idiot! Warum hatte er nicht einen der höflich formulierten Serienbriefe verwendet, wie es sonst seine Art war: Sehr geehrter Herr Petrella, es tut uns Leid, blablabla, der Verlag hat momentan keine Verwendung, lablabla. Aber er wusste genau warum. „Die kleine Aster“ war eines seiner Lieblingsgedichte und es war dieser blöde Mafianame, der ihn zusätzlich reizte, ein selten dämliches Pseudonym! Pseudonym?

Heute war dann dieses Paket gekommen, die Nachbarin hatte es für ihn entgegengenommen. Er hatte keinen Absender gefunden, nur sein Name und die Gottfried-Bennstraße 17. Wer hätte es zu UPS zurückgetragen? Keine Minute hatte es gedauert und Oskar bearbeitete mit der Küchenschere das Paket. Nach einer weiteren Minute war die Schnur durchtrennt, das Packpapier geöffnet und der Deckel der Schachtel abgehoben. Da war es zu spät.

Die lila Aster inmitten blutgetränkter Holzspäne ließ Oskar vor Entsetzen würgen. Auf einem Fetzen Papier, der sich an den Rändern braunrosa verfärbt hatte, stand: „Trink dich satt! P.P.“ hingeschmiert mit dem Kugelschreiber.

Oskar hatte den Zettel eingesteckt und war die Treppen hinunter in seine Stammkneipe gerannt, er musste unter Menschen. Zur Beruhigung seiner Nerven bestellte er ein Bier. Als er es ausgetrunken hatte, kam ihm die Idee. Er würde dem Autor einen höflichen Brief schreiben, gleich morgen, ein entsetzlicher Irrtum sei geschehen und der Verlag wäre sehr wohl am Manuskript interessiert.
Darauf hatte er noch ein Bier und noch eins bestellt, denn er hatte keine Ahnung, wie er seinem Chef einen solchen Roman plausibel machen sollte. Aber eins nach dem anderen. Dann waren plötzlich diese Typen aufgetaucht und hatten den Wirt nach einem Oskar gefragt. Als er losrannte, flog der Stuhl um.

Der Van ging mit Tempo um die Kurve, die Schräglage riss an Oskars Körper. Ihm wurde schlecht vor Schmerz. Vorne gab es Tumult. Die beiden waren in Streit geraten, Horst schrie. „Mach doch langsamer Jack!“
„Sag mir nicht, wie ich fahren soll, du Pfeife. Und halt’s Maul!“, brüllte er zurück.
Es wurde scharf gebremst, dann spürte Oskar einen Schlag und rutschte mit dem Brett durch die Hecktür auf die Straße.
„Ihr Arschlöcher, könnt’s ihr net aufpasse?“, hörte er eine aufgebrachte Stimme.
„Ist doch nur Blech!“, konstatierte Jack.
„Ist doch nicht Schlimmes passiert“, setzte Horst hintendrein.
„Halt’s Maul! Lass mich reden!“
„Am beschte, ich ruf die Polizei“, hörte Oskar den Geschädigten sagen.
„Das regeln wir so.“ Eine ganze Weile war es still.
„Nix für ungut.“
„Warum so viel!“, fragte Horst gedrückt.
„Halt’s Maul und los!“ zischte Jack.
Kurz darauf startete der Transporter.
„Halt!“, schrie eine aufgeregte Frauenstimme. „Halt! Sie haben ein Paket verloren!“
„Halt’s Maul!“ dachte Oskar.


by Elsa Rieger & Judith Lasar
Gemälde: Kandinsky, Twilight

20. April 2008



Tochter ihrer Mutter

Die gleichen langen schlanken Füße
Lügenlächeln voll der Süße
Augen funkeln wilder Schmerz
Gebrochen beiden ist das Herz

Das gleiche brennende Verlangen
Sturzflugvöglein ohne Bangen
Vergeblich suchen nach der Lust
Nebeltraum statt Alltagsfrust

Die gleiche Tiefe der Gedanken
Auf schmalem Grat im Leben wanken
Die Mutter stürzte sich dran tot
Das Kind malt sich die Lippen rot


by ELsa

17. April 2008



worin wir uns winden von Zeit zu Zeit

Ich frage mich wozu
ich Worte suche wohl
setze verwerfe erneuere

Wofür eigentlich?


Petros gab mir diese Antwort:

Winden
Uns
Ein und aus
Hin und her
Darin und worin
Die Worte
Beschreiben
Ackerwinden
Fragen nach
Stürmischen Winden
Wir
Verwinden und
Überwinden

Ja von Zeit zu Zeit
Und dazwischen auch

Und wenn ich fragte
Mich… wofür
Begänne wohl
Ein neues
Altes Winden

by Petros

Foto: Kreta by Günther Moro

13. April 2008



Tilt II

Sie rennen durch die Stadt,
kaufen ein, lachen in Kaffeegärten
mit gesichtslosen Handys.

Das Wichtigste:
wer ist schöner, besser, reicher?
Busen machen lassen kostet nur
fünfhundert.

Ich zittere: Die Welt könnte untergehen.
Doch – alle tun weiter, als wäre es normal.

Rückwärts gibt es nicht. Erschöpft.

Draußen sind Regenbögen gestorben,
Gesänge verstummt. Da ist nichts mehr,

was unterwegs bestäubt.


Tilt I

Oftmals klein und grün gefühlt,
kein Froschkönig, nein, eher
das Nichts. Ätherwolke aufs
Gesicht gedrückt, allem fern,
was sie Leben nennen.

Sie, die herumgehen durch die Stadt,
einkaufen, in Kaffeegärten lachen.
Klein, grün und unsichtbar gefühlt,
hinauslaufen, wo Parforcejagd ist:
wer ist schöner, besser, reicher?

Zurückkehren. Erschöpft und zitternd.
Die Welt könnte untergehen.
Doch alle tun weiter. Als wäre es normal.

Draußen sind Regenbögen gestorben,
Gesänge verstummt. Da ist nichts mehr,
was unterwegs bestäubt.


Anmerkung: Da die Meinungen zu den Versionen 1 und 2 so unterschiedlich sind,
behalte ich beide.


by ELsa
Bild: Heidi Lachmann

11. April 2008



käfig

so viele stäbe
daran zu rütteln
und ich streichle sie mit
sanfter stimme zu bezähmen:
mich

grau sickert es aus dem kopf

sinnentleerter streusplitt
auf frühlingsstraßen – immerhin
blühen stiefmütterchen im
rinnsal


by ELsa

3. April 2008



Soeben erschienen und ich bin darin vertreten:
So geht Verlieben
Die schönsten Geschichten der WomenWeb-Community

ISBN 978-3-8334-7465-1, Paperback, 148 Seiten, € 9,80
http://www.bod.de/index.php?id=1132&objk_id=126699

Klappentext:
Verliebt sein, das bedeutet: tausend Schmetterlinge im Bauch, auf Wolken schweben, die Welt durch eine rosarote Brille sehen. Jeder kennt dieses Gefühl, doch nehmen es die Menschen unterschiedlich wahr. Das Internetportal WomenWeb und Books on Demand suchten Geschichten zum Thema "So geht Verlieben". Die besten sind hier in diesem Buch vereint und erzählen Liebliches, Spannendes, Kurioses, Glückstrahlendes und Trauriges rund um die schönste Nebensache der Welt. Da ist der Jungfernflug einer Pilotin, der im siebten Himmel endet, der Überfall auf das Herz einer Bankangestellten, der kleine
Kaktus, der als Liebesstifter fungiert, sowie der erste Urlaubsflirt eines Teenagers, der niemals in Vergessenheit gerät. Alle Geschichten zeigen, dass die Liebe oft seltsame Wege geht und dass Glück und Schmerz manchmal ganz nah beieinander liegen. Lassen Sie sich verführen! Herzklopfen ist garantiert!

1. April 2008



Illusion

Rot gefärbt der
Abendhimmel
Last des Alltags
weicht

Leichtigkeit fließt
durch die Glieder
meine Lust
erreicht

ungeahnte Höhenflüge
Haut an Haut mit dir
ewig soll die Nacht
uns dauern

Mach das Fenster dicht
Unaufhaltsam
wächst der Tag -
z
e
r
b
r
i
c
h
t


Hören


by ELsa (Text & Foto)

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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