31. Oktober 2009



Kleine Zwischenmeldung:

Ich war seit Montag in der Klinik, um mich von Gallensteinen befreien zu lassen, daher die Stille hier. Nun bin ich wieder da, alles ist gut verlaufen.

Ich wollte vor der OP nicht darüber schreiben, man weiß ja nie ...

Etwas zittrige Grüße an meine Freunde hier,
Elsa

22. Oktober 2009



Pour le Mérite
1917


Held will ich sein –

ungestümer Student
dein Abschiedskuss
so flüchtig – so vorwärts
gerichtet dein Blick

meine Haut grau vom
Kohledampf und dem Jubel

als sie später klopften
die Schachtel mit Feldpost
samt schmucker Soldatenkappe
den Orden: Liebe gab ich für Ehre

mein Unterrock getränkt
mit deinem Blut – verdorre ich
eine goldbraune Locke in der Hand


by ELsa ( aus: 10x10 = 100 )

19. Oktober 2009



Vom Altern

Da kannst dich noch so aufbrezeln. Mit Chanel Nr. 5 (wie die Marylin seinerzeit) und helfen tut’s doch nix.

Als Frau wirst nimmer erkannt. Geschlechtslos, auch wenn die Lippen rot angemalt sind. Dabei ... dabei bist innen drin siebzehn, vielleicht achtzehn, höchstens zwanzig. Nur bemerkt’s keiner mehr. Gesehen wird die ältere Dame. Das Grausen könnt einem ja kommen. In einem Topf mit älteren Damen? Ich? Das geht doch nicht! Ich denke, fühle, liebe wie eine junge. Und dann ...
Dann krallt sich eine Skelettklaue um den Hals.

Die Zeit wird knapp
das Grab ruft schon
du wirst a schöne Leich’


singt’s mir in den Herzgrund hinein. Auf einmal ist es gleichgültig, dass die bestrickende Schönheit vergangen ist. Der Mensch ist immerhin hier und hat vielleicht noch ein bisserl Zeit.


by ELsa

17. Oktober 2009



Vom Verdauen

Es wiederholt sich einfach alles. Im Leben ein ständiges Wiederkäuen.
Als hätten wir einen Kuhmagen, der eigentlich aus vier Mägen besteht.
Wir schieben das Zeug
tropfende Wasserhähne
verzweifelte Liebe
das Altern
Grauen
Ängste
hin und zurück durch die Stille, die fast tödlich ist.
Von Kind an stopfen wir Verluste in den Pansen, bis er überquillt.
Es stößt uns bitter auf, wir schlucken, verschieben die Brühe
in den Netzmagen. Natürlich überdehnt er sich mit der Zeit.
Ein Ausweichmanöver gelingt, der Dreck landet im Blättermagen.
Aber von oben kommt ja stets Neues nach.
Eine griechische Tragödie, die letal enden muss,
damit sie wirklich, wirklich traurig ist und alle weinen dürfen.
Diese Tränen bilden den Saft, damit der Labmagen arbeiten kann.
Wir drehen in ihm die Pampe um und um, wälzen uns darin.
Vergehen.


by ELsa
Bild: Daniel Barber

12. Oktober 2009



ins stammbuch 1909

gutsverwaltertochter
aus dem land des rübezahls
noch trägst du knöchellange
spitzenunterhosen

in wien malt klimt küsse
in gold – schieles nackte
kinder ernten empörung

unbefleckt gehst du die ehe ein
schmelztiegelstaunen in wien
– nicht nur juden –
die böhmische hausmeisterin
schaut streng

dein junger mann bringt aus paris
kleine seidenhöschen mit
und die syphilis


by ELsa (aus: 10X10=100 )
Bild: Egon Schiele

10. Oktober 2009

Friedensnobelpreis für Barack Obama

Vom Erfinden des Guten

Einst krümmte sich der fellbemantelte Mensch in seiner Höhle, hielt die Fäuste auf die Ohren, während draußen Gewitter tobte. Die Angst schüttelte ihn bei jedem Blitz. Wenn es krachte, wusste er, dass das weiße Licht vom Himmel gefallen war und Feuer gelegt hatte. Und der Mensch schluchzte ohnmächtig.
Doch sein Sohn lag neben ihm und träumte davon, welche Hitze die Flammen ausstrahlten, welches Leuchten sie in die dunkle Welt brachten.
Als er erwachsen geworden war, ging er hinaus und studierte das Verhalten des Feuers so lange, bis er es zähmen konnte. Er wusste, wie es entfacht, erhalten und gelöscht wird. Von da an nutzte der Mensch die Kraft der Elemente.

Viel später sah einer, wie schnell ein gerundeter Stein Hügel hinabrollte, und erfand das Rad, nachdem er sich viele Gedanken dazu gemacht hatte. Ähnlich erging es Herrn Singer, ehe er die Nähmaschine in Schwung gebracht hatte und dem Herrn Edison mit der Entwicklung der Glühbirne.
Sie alle träumten zunächst. Wurden belächelt oder sogar verspottet.

Barack Obama hat nun den Friedensnobelpreis 2009 für seine Träume erhalten.
Gut so!

Denn zuerst ist da immer eine Vision.


by ELsa

9. Oktober 2009



nein – ich wusste es nicht

was ein kurzer sommer
mit dir bewirkt

sitze im café bei campari – rot
waren deine lippen und voll

auf der straße nimmt ein mann
das gesicht einer frau in die hände

die jukebox: you are so
wonderful tonight


ich schickte dich fort

und höre nicht auf
dich zu sehen

by ELsa


blätter fallen ununterbrochen

blatt für blatt: zwischen oben und unten
mein herz


um dich und die stadt
mit abstand zu betrachten

alles andere schien unwichtig
und der tanz: der rhythmus
ah – der rhythmus


durchdringt immer noch
– was geht mich das baumblatt an

© by @miro

Aus dem Gemeinschaftsprojekt: Stadtlieben von Elsa Rieger/Miroslav Dusanic
Foto: Ruth Rudolph bei pixelio.de

5. Oktober 2009

ex - il@miro says:

Du meldest Dich so donnernd und aufgeladen - das freut mich…


So ist es! Sieh selbst:



Erholte Grüße,
ELsa

4. Oktober 2009

Zurück von der Insel und sogleich erwartete mich eine Freude:

Soeben erschienen:


The year 2009 commemorates the 20th anniversary of the fall of the Berlin Wall. As part of the Vanderbilt activities to celebrate this anniversary, a contest was started for writers in the German online literary forums Lese-lupe, Blauer Salon, ProLyKu, Lyrikecksil and the forum Otto Lenk. Of the submitted texts, a jury of peers and Prof. Dr. Justus Fetscher, the visiting Max-Kade Professor to Vanderbilt for Spring of 2009, have selected 49 texts to be included in this volume. Both poetry and prose, these texts re-flect thoughts, memories and human experiences during and after the Cold War. They show both the difficulty of bridging the gap of two separate German nations as well as the difficulties of reuniting a people after 40 years of separation.

Paperback book $6.80
ISBN: 978-0-557-10819-0
Copyright: © 2009 Beatrix Brockman, editor Standard Copyright License
Language: German/English
Country: United States
Edition: First Edition

verlag lulu

Einige Texte von mir sind enthalten. Unter anderem:

ummauert

mit der zeit
macht es müde:
nach luft ringen
nach raum

schwer ist das im zwangshemd
der moral oder rücksicht und pflicht

lieben müssen (müssen?)

und statt zu schreien
schlucke ich steine


immured

with time
it is tiring
to fight for air
for room

so heavy the chainmail
of morals or consideration and duty

to have to love (to have to?)

and instead of screaming
I swallow stones



by ELsa

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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