ELsa Rieger

ELsa Rieger
Foto - Christian Rieger

17. April 2019

Das Regenmacherkind - Neuerscheinung

Wir haben es wieder gemacht! Victoria Suffrage und ich stellen ein weiteres Gemeinschaftswerk in 3 Bänden vor, eine Trilogie, und sind sehr stolz drauf.

Hier Band 1.

Sohn Finn ist seit mehr als zehn Jahren verschollen, doch Erik kann seine verbissene Suche nach ihm nicht aufgeben. Verlassen von der Frau, gekündigt im Job und geplagt von Albträumen bucht er Hals über Kopf einen Urlaub auf der geheimnisvollen Kaskadeninsel.
Dort scheinen seine Albträume wahr zu werden. Von Tag zu Tag mehr wird er in die Geschichte der Insel verstrickt und letztlich ein Teil davon.
Wird er das Geheimnis der Insel ergründen und seinen Sohn finden?

Serie: Band 1 von 3 – Mystischer Abenteuerroman.
In den 3 Bänden kann der Leser mit Erik von Wittgen auf eine Abenteuerreise gehen und tief eintauchen bis ins 16. Jahrhundert zurück.
Band 1 von 3 – Mystischer Abenteuerroman
Band 2 erscheint am 15. Mai,
Band 3 am 15. Juni

Leseprobe: 

Kapitel 1

Erik saß fest. Die metallenen Wände des Fahrstuhls schienen auf ihn zuzustreben, kein Ausweg. Durch den Türspalt sah er die, vor denen er gerade noch hineingeflüchtet war, sich hier verkrochen hatte. Wieder die Kuttenmänner. Und nun kamen die Wände auf ihn zu, um ihn zu erdrücken. Wenn nur einer der Weißgekleideten den Finger auf den Öffner legte, dann hatten sie ihn. Panisch presste Erik die Knöpfe, vielleicht setzte der Lift sich in Bewegung, vielleicht konnte er entkommen. So wie James Bond oder sonst ein Tausendsassa im Film, wo in letzter Sekunde … nichts.
Resigniert schloss er die Augen, fast wie in Kindertagen. Was er nicht sah, konnte nicht da sein. Durfte nicht. Du bist fünfundvierzig und kein Kind mehr, hörte er eine Stimme in sich. Denk an Finn, der war ein Kind und du hättest ihn retten können.
Finn! Was hatte sein Sohn damit zu tun? Eriks Fluchtgedanken, seine unerklärliche Furcht, traten für einen Moment in den Hintergrund, als ein Gesicht vor ihm erschien. Jung, mit fragendem Blick.
Wieder sah er die Gestalten in den weißen Kutten durch den Spalt, spürte die Metallwände um sich, musste schon die Schultern hochziehen, ehe ihm die Knochen zermalmt wurden.
Erik presste nun die Hände auf die Augen, hörte seinen Atem, der langsamer war, als er sein sollte. Luft brauchte er, mehr Luft! Ein sanfter Ruck unter ihm.
Bewegte sich der Fahrstuhl? Konnte er doch überleben? Wollte er leben? Nein, wenn sein Tod Finn zurückbrächte.
Er rührte sich nicht, horchte nur. Dann setzten die Schläge ein, jemand trommelte gegen die Tür. Also musste sie geschlossen sein. Erik hörte seinen Herzschlag, der das Gepolter übertönte, wagte es aber nicht, die Hände von den Augen zu nehmen.
Hoffte, dass sie aufgaben und ihn in Ruhe ließen. Dass der Fahrstuhl ihn weg von ihnen in ein anderes Stockwerk brachte, die Wände ihn verschonten. Dann ginge er erneut auf die Suche nach seinem Sohn, sein restliches Leben lang.
Aber etwas stimmte nicht, das Hämmern wurde immer lauter, obwohl der Fahrstuhl doch längst fahren musste.
»Haut ab!«, schrie er und erschrak über seine eigene Stimme. Gleichzeitig stellte er fest, dass auf einmal Ruhe herrschte. Langsam nahm Erik die Hände herunter und hoffte, nichts als stabile Stahlwände im Kunstlicht zu sehen. Er stöhnte auf. Finns fragendes Jungengesicht schwebte wieder vor ihm.

»Herr von Wittgens, nun machen Sie doch endlich auf. Ich weiß, dass Sie da sind.«
Irritiert öffnete Erik die Augen. Die Stimme gehörte eindeutig seiner Nachbarin Ingrid, doch was wollte sie in dem Fahrstuhl? Blinzelnd schaute er sich um.
Es dauerte eine Weile, bis er Traum und Wirklichkeit auseinandersortieren konnte. Vorsichtig streckte er den Arm aus und angelte sich eine Zigarette vom Wohnzimmertisch. Wie immer war er auf dem Sofa eingepennt, und anhand der Anzahl der leeren Bierflaschen erklärte er sich sein flaues Gefühl in der Magengrube. Der Anblick war ein gefundenes Fressen für die Alte von nebenan, die regelmäßig mit irgendeinem Anliegen ankam, seit Stella ausgezogen war.
Gierig sog er an der Zigarette und registrierte gleichzeitig, dass er sie gar nicht angezündet hatte. Auch ohne Nikotin verstärkte sich das Gefühl der Übelkeit in ihm, verbunden mit einer Unruhe, die er nicht einordnen konnte. Was war nur los? Er hatte von einem Fahrstuhl geträumt und … Finn. Seine Unruhe wechselte in einen Schmerz, der sich durch den ganzen Körper zog.
Finn, sein Sohn, sein Kind.
Wieder das Klopfen an der Tür. Erik ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Seit Stella mit den Kindern ausgezogen war, gehörte Aufräumen nicht zu seinem Standardprogramm.
Dass Finn weg war, hatte alles kaputtgemacht. Gut, Stella hätte behauptet, dass Erik alles ruiniert hatte, weil er falsch mit dem Schicksal aller umgegangen war. Aber da konnte sie einfach nicht mitreden. Er spielte eine Sonderrolle in diesem Drama und Stella verstand ihn einfach nicht. Anfangs hatte sie seine Suche natürlich unterstützt, aber dann gab sie auf und bald fing sie an, seine Aktionen zu kritisieren.
Suchaufrufe im Internet, eine eigene Homepage für vermisste Kinder, deswegen war Erik gerade am Anfang rund um die Uhr online im Vermissten-Forum. Er beobachtete die neuen Einträge wie Aktienkurse und irgendwann konnte Stella einfach nicht mehr. Nach der Scheidung kam die Kündigung des Jobs. Offensichtlich wollte sich jeder von ihm trennen. Dass er nicht mehr täglich in diesem Ladenrumhängern und sich von Juniorchef Neukarg, Uniabsolvent und neunundzwanzig Jahre alt, sinnbefreite Anweisungen geben lassen musste, befreite ihn. Dennoch fiel er in ein tiefes Loch. Sein Tagesablauf bestand nun darin, morgens von der Couch, wo er meistens einschlief, aufzustehen und den Fernseher anzuschalten. Nach den ersten Zigaretten und auch nur deshalb, weil er die Fernbedienung in einem Wutanfall gegen die Wand geschmissen hatte. Waschen und Rasieren wurden zum Luxus.
Lediglich bei seinen drei Verabredungen mit Stella hatte er sich gerichtet und seinen bequemen Jogginganzug gegen ordentliche Klamotten getauscht. Sogar zum Friseur war er gegangen und hatte seine schwarzen Haare in einen ansehnlichen Schnitt bringen lassen. Bei den Treffen gab er sich humorvoll und bestens gelaunt. Aber Stella und er waren zu lange verheiratet gewesen, als dass sie ihn nicht durchschaut hätte. Bei ihrem dritten Treffen sagte sie ihm, dass sich nichts geändert habe, dass Erik nicht bereit sei, über Finns Verlust hinwegzukommen.
Wieder klopfte es an der Tür und Erik wurde unsanft in die Wirklichkeit zurückgeholt. Diese Alte gab einfach keine Ruhe.
»Was ist denn, Frau Ludwig? Ich komme eben aus dem Bad.« Eine mehr als offensichtliche Lüge, wie ihm seine Nase deutlich signalisierte. Erik konnte nun nicht mehr ändern, dass er unter den Achseln roch. Später vielleicht. Es schien ihm eine Ewigkeit her, seit er jeden Morgen eine Stunde früher aufgestanden war, um das Bad für sich allein zu haben. Selbst am Wochenende hatte er diese Angewohnheit nicht abgelegt und Stella und die Kinder missbilligend gemustert, wenn sie sich in Schlafsachen an den Esstisch gesetzt hatten. Aber jetzt … eine Dusche wäre tatsächlich eine Maßnahme.
»Sie haben schon wieder vergessen, die Restmülltonne rauszustellen. Ich habe es für Sie gemacht.«
Restmülltonne! Das war mit Gewissheit nicht sein Problem. Kaum konnte er sich ein Grinsen verkneifen. Allein mit dem ganzen Zeug, das sich auf seinem Tisch und drum-herum häufte, wäre eine durchschnittliche Mülltonne bestimmt überfordert gewesen. Und die Pfandflaschen nicht zu vergessen.
»Besten Dank, ich werde mich revanchieren.« Erik bemühte sich um einen freundlichen Tonfall. Gleichzeitig wollte er keinen Zweifel daran lassen, dass das Gespräch damit für ihn beendet war. Offensichtlich erfüllte sich seine Hoffnung, denn die Schrittgeräusche verrieten ihm, dass sich Ingrid entfernte. So nannte sie jeder hier in der Straße, nur er hatte sich bisher geweigert, zu dem vertraulichen ›Du‹ zu wechseln. Er konnte sie einfach nicht leiden.
Seine Gedanken drifteten wieder zu Stella, zu dem, was sie ihm zuletzt gesagt hatte: Er sollte etwas für sich tun, sein Leben verändern. Als ob ihre Trennung nicht schon genug Änderung gewesen war nach der größten Änderung in seinem Leben.
Finn.
Es war nicht das erste Mal, dass er von seinem Sohn geträumt hatte. Auch wenn er stets das Gesicht eines Fünfzehnjährigen im Traum sah und Finn inzwischen fünfundzwanzig war.
»Er ist tot!« Das schleuderte Stella ihm sofort entgegen, wenn er etwas in der Richtung äußerte. Dabei konnte sie das gar nicht wissen. Finn war verschwunden, aber für seinen Tod gab es keinen Beweis. Zumindest keinen, den Erik akzeptiert hätte. Und Stellas Tonfall war mit den Jahren genervter geworden, endgültiger. Einmal hatte er sie angeschrien, dass sie ihren Sohn aufgegeben hätte.
Er selbst war die ersten Jahre noch regelmäßig an den Strand von Teneriffa gefahren, um alles abzusuchen. Dass im Meer treibende Menschen durch den Schock ihr Gedächtnis verloren, das passierte gar nicht so selten. Erik hatte das recherchiert. ›Amnesia by the seaside‹, Gedächtnisverlust durch das Schwimmen in kaltem Wasser. Alles war möglich. Und Finn war ein ausgezeichneter Schwimmer. Von Deutschland aus telefonierte Erik die Krankenhäuser ab, er verteilte Zettel in den Urlaubsorten, er tat wenigstens etwas, während Stella aus seiner Sicht einfach aufgegeben hatte. Und der Moment, in dem er ihr das vorwarf, war der Anfang vom Ende.
Sie wagte es, legte in diesem Streit zum ersten Mal den Finger auf seine Wunde – und drückte zu. Schrie: »Wer hat ihn denn losgelassen, Erik? Wer von uns beiden hat ihn einfach vom Meer fortreißen lassen? Ich etwa? Du hast ihm sogar seine Schwimmweste abgerissen, er hätte sonst eine Chance gehabt! Wir hätten ihn noch gefunden!«
Erik hatte nichts mehr gesagt. Nicht an diesem Tag. Und nicht an den Tagen danach.

Langsam, wie ferngesteuert, ging er ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Rote Augen, aufgedunsenes Gesicht, so konnte er keinesfalls unter Menschen gehen. Er unterdrückte den Impuls, sofort kehrtzumachen und in der Küche einen Schnaps zu trinken. Von Änderungen hatte er genug für den Rest seines Lebens. Und was sollte er schon tun?
Jobmäßig sah es mau aus, Maschinenbauingenieure gab es wie Sand am Meer, und die waren alle viel jünger als er. Sicher, finanziell konnte er sich noch einige Zeit über Wasser halten, aber was kam dann? Und was sollte er jetzt machen? Auf irgendwelche Vereine und Gruppenzwänge hatte er keine Lust.
Ein Blick aus dem Fenster in das graue Novemberwetter und Wanderungen oder Fahrradtouren schieden ebenfalls aus. Erik sah den feinen Film kalter Regentropfen am Badezimmerfenster. Er war nicht der Typ, der seine Stimmung gegen das Wetter anheben konnte. Irgendein Klugscheißer hatte ihm mal Vitamin D verschrieben. Die Tabletten lagen ungeöffnet im Schrank.
Wenn, dann war ihm nach einem Klimawechsel. Einfach raus und weg, alles hinter sich lassen. Abstand zu allem finden.
Je mehr sich Erik darauf einließ, umso besser fühlte er sich. Die Idee keimte in ihm wie eine schnell wuchernde Pflanze, verwurzelte sich in seinen Gedanken.
Raus und weg, diese drei Worte kreisten in seinem Kopf.
»Raus und weg«, murmelte er.
»Raus und weg!«, schrie er dem Spiegelbild zu, vor dem es ihn ekelte.
Ein anderes Land, andere Menschen. Ein Fleckchen Erde, wo ihn niemand kannte, wo er einer von vielen sein würde. Kein Gescheiterter, kein Geschiedener, kein Versager. Und kein verwaister Vater.
Und wenn es ihm dort gefiel? Erik hatte schon davon gehört, dass in gewissen Landstrichen einiger Länder akuter Mangel an guten Technikern herrschte. In den USA zum Beispiel, da hatten deutsche Ingenieure noch eine echte Chance.
Erfüllt von einem ungewohnten Energieschub, ging er zurück ins Wohnzimmer und wühlte auf dem Tisch herum. Vor Kurzem war ihm eine Urlaubsanzeige aufgefallen, er konnte sich nur nicht mehr erinnern, in welcher Zeitung. Er hatte Dutzende davon auf dem Tisch verteilt. Durchwühlte jetzt die Stapel mit Zeitschriften, warf einzelne Blätter der Tageszeitung ungeduldig beiseite, bis er es endlich fand.
Isla des Cascadas – Die Perle im Atlantik, hieß es reißerisch in dem Artikel. Seine Fernsehzeitschrift brachte alle zwei Wochen so eine als Bericht getarnte Werbeanzeige über Reiseziele auf der ganzen Welt. Auch zur Isla des Cascadas gab es anschauliches Bildmaterial: ein grünes Tal, eingefasst von kargen, hohen Bergen, schmale, meist zweistöckige Häuser, dazu enge Gassen und eine kleine Kapelle auf einem ungewöhnlich geformten Felsen. Am meisten aber hatte ihm das Bild des Fiordo des Cascadas gefallen. Eine kleine Bucht, die von schroff abfallenden Felsen eingerahmt war. Das Türkis des Wassers zogen sie sicher in der Bildbearbeitung nach, aber er konnte sich vorstellen, dass es dort wirklich so aussah. Für einen Moment schloss Erik die Augen und konzentrierte sich auf die Insel.
Das satte Grün, der Geruch des Meeres und das Getöse der Kaskaden, wenn sie von dem Felsen, auf dem die kleine Kapelle stand, ins Meer fielen. Das wünschte er sich jetzt, einfach an diesem Ort zu sein. Warum, konnte er sich nicht erklären. Wollte er auch nicht. Genauso wenig konnte er sich erklären, wieso er das Getöse der Kaskaden beinahe körperlich spürte. Auf dem Bild schienen sie tot.
Erik hatte nur noch den einen Gedanken: raus und weg. Formulierte es erneut: »Raus. Und. Weg.«

(...)


Das Regenmacherkind
E-Book und als Buch

Kommentare:

Rachel hat gesagt…

Meine Elsie, dir und deiner Mitstreiterin herzlichste Glückwünsche zum neuen Werk. Ich freue mich schon drauf. Sobald ich mich vom Krankenhaus erholt habe, werde ich es kaufen.

Dir von Herzen gesegnete Osterfeiertage, sicher bist du bei deiner Mutter... grüß sie lieb ....

Mit lieben Grüßen
Edith

Elsa Rieger hat gesagt…

Liebe Edith,
ich danke dir, aber nun werde schnell wieder gesund, das ist wichtig, wir brauchen dich doch!

Ja, bin bei Mama, sie schlägt sich tapfer mit nunmehr 91. Dir auch gesegnete Ostern, und mach voran, Liebe!

Herzlich zu dir,
Elsie

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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