ELsa Rieger

ELsa Rieger
Foto by Elsa Rieger

03. Mai 2013




Konturen fangen an sich zu verändern


Prall zuerst die grad erblühten Knospen
der Heckenrose und die Dornen weich
biegsam sind die jungen Glieder
bewegt von Fürwitz und von Tanzeslust

Die Sommerwinde hitzig dann voll Leidenschaft
und Tränenfluten graben die ersten Furchen ein
braune Narben sprenkeln die einst satte, feuchte Haut

Noch später kriecht die Kälte
unaufhaltsam bis in die Fingerspitzen
keine Spur vom Leuchten mehr
gewichen ist’s der Fahle und Lust versiegt

Die Züge scharf wie Scherenschnitte
läuten den rauen Winter ein, der bleibt
ich weiß, nur Rosen blüh’n im Frühling wieder auf


(c) ELsa Rieger

18. April 2013



vergebens

ich wollte ein lied dir singen

doch kam nur ein krächzen zustande
schraubte sich hoch als geheul
das sich zum himmel erstreckte
die welt dreimal umkreiste
um schließlich im schlamm
zu ersterben mit schauerlichem geblubber

ich wollte von liebe dir sprechen

heiß drang der atem ans licht
wind fuhr durch entblätterte birken
riß meine worte mit sich
trug sie in die arktische wüste  
zurück blieb zerfetztes geflüster
du hörtest es einfach nicht

ich wollte dich so gern umarmen

die pflichten schnürten mich ein
straff steckte ich in der rüstung
aus scharnieren triefte mein herz
als ich dich sah durch mohnfelder laufen
die lippen geteilt im fröhlichen lächeln
und ich ja ich blutete aus



(c) ELsa Rieger
Bild:  Gago Oganesyan bei beinart.org

13. April 2013



Nun sind wir also angekommen
im Neuen
wie fühlt es sich an

Kaum anders 
als davor und davor und davor
und doch warten gespannt
wie davor und davor und davor

aufs Erblühen

(c) ELsa Rieger


05. April 2013


  
Leseprobe:


sperrzonen

hast du erschlossen riegel
von denen ich nicht wusste
entsichert mit verve

blätterst nun in meinem buch
wie keiner zuvor wagte/durfte

erstaunen greift mich tief
waren wunder doch längst
ausgerottet in meinem leben

aber nein – sagst du
und dein lachen haut mich um

schmelzt die letzten bedenken
bis ich nackt vor dir steh
du gehst mir unter die haut



eBook auf xinxii
Viel Lesespaß wünscht Euch
ELsa

25. März 2013



Wenn ich einmal sterbe


Eines Nachts fahre ich von einem Gedanken gepeinigt hoch, der mir beim Lesen gekommen ist – ich überflog gerade den Bestseller Shades Of Grey, den mir jemand verehrt hatte (hätte er es nur nicht getan, das Buch ist schlecht) – und springe aus dem Bett.

Der Gedanke frisst sich durch meine Gehirnwindungen, senkt sich in die Brust, tropft weiter abwärts und setzt sich in der Schamgegend fest.
Scham! Die Quintessenz dieses nächtlichen inneren Aufschreis.
Die Rahmenhandlung: Was, wenn ich aus heiterem Himmel stürbe? Es wäre an sich wünschenswert, ganz ohne vorhergehendes Siechtum abzuhauen. Das hieße aber auch, ohne Vorbereitung, ohne einen letzten Willen zu hinterlassen, und, jetzt kommt’s, ohne die Corpora delicti früherer Zeiten vernichtet zu haben, geschreddert, verbrannt, restlos alle gemacht, sodass kein Fitzelchen mehr daran erinnert.
Eine Klosterschwester kann gewiss völlig entspannt in den Himmel verschwinden, aber ich? Meine Nachfahren würden die Grabstätte, unter der ich zerfiele, niemals mit Blümchen schmücken – sie kämen höchstens, um draufzuspucken.

Nachdem ich also schon blitzwach bin, zwänge ich mich in die Abstellkammer und hieve die Kartons mit den Beweisen vom obersten Regalbrett. Ich schleppe sie auf den Wohnzimmerteppich und verfluche meine sentimentale Ader, die Schuld dran ist, dass ich jetzt zwischen Haufen von Fotos, Briefen, Andenken im Schneidersitz hocke, um meine schlimmsten Jugendsünden zu vernichten. Erst hole ich mir aber ein Glas Rotwein, weil mich das immer beruhigt, dann beginne ich die Berge zu durchforsten ...

Gegen drei Uhr morgens und nachdem die Flasche Wein geleert ist, sitze ich vor drei Stapeln, die mein Leben dokumentieren.
Der erste beinhaltet meine Kindheit. Blondes Lockenköpfchen, das zwei Babykatzen der Kamera entgegenhält, Foto mit Schultüte, Hefte, seitenweise mit undefinierbarer Krakelschrift, gespickt mit roten, ungeduldigen Korrekturen aus dem Füller der Lehrerin, manchmal ein gewalttätiger, fetter 5er darunter. Und zwischendrin ein – mein – erster Liebesbrief  eines sechsjährigen Mitschülers: Du bist die schönste Frau von der ganzen Welt! Gerührt öffne ich noch eine Flasche des vorzüglichen Rotweins.
Im zweiten Stapel häufen sich Liebesbriefe und schlechte Schulnoten. Dazu kommen ein Stammbuch mit rosenumrankten Freundschaftsbekundungen und meine Tagebücher. Das erste endet mit dem Eintrag: Heute habe ich endlich meine Jungfräulichkeit verloren, Gott sei Dank! Der Daniel ist zwar ein Obertrottel, aber wurscht. Hauptsache, die Sache ist erledigt.
Dem Datum nach war ich fünfzehn Jahre alt.
„Prost!“, sage ich zum Sofa, auf das ich zu krieche, den Packen meiner Teenagerzeit unterm Arm, das Glas balancierend. Liegend stöbere ich weiter. Dramatischer Liebeskummer im zweiten Band der Aufzeichnungen, immer schien ich mich in den falschen Kerl verknallt zu haben, ich arme Sau. 
Trost fand ich, wie ich mich dunkel erinnerte, in den Armen meiner besten Freundin. Wir übten auch die Sexualität miteinander, da wir dachten, vielleicht würde es uns Liebeskummer ersparen. Aber es stellte sich heraus, dass wir zu hetero waren, es half uns nicht weiter. Wir litten und rissen uns zur Kompensationen irgendwelche Jungen in der Disco auf, egal, wie sie aussahen. Ich sehe die Fotos durch. Sie wurden in der verruchtesten Diskothek der damaligen Zeit geschossen. Auf den meisten sehe ich wie schwer unter Drogen aus, unmöglich, das der Nachwelt zu hinterlassen! Es gab weiß Gott nicht viele Substanzen auf dem Markt, aber manche Appetitzügler hatten phänomenale Wirkung. Sie hielten wach, man diskutierte schlaflos über alles Mögliche, während man eine Runde nach der anderen um den Häuserblock zog, um endlich so müde zu werden, dass man schlafen gehen konnte. 
Nach der zweiten Flasche Wein rutschen mir die Top-Secret-Belege vom Leib. Den Rest werde ich später... nehme ich... mir... vor... 

Kichern. Kichern! Kichern? 

Ich schlage die Augen auf. Sie brennen. Mein Kopf pocht. Sehr langsam drehe ich ihn dem Gekichere zu. Lore, meine halbwüchsige Tochter, wühlt in meinem Geheimsten! Alle Kraft zusammennehmend rapple ich mich auf. 
„Was machst du da?!“ 
„Ach Mama, was warst du doch für ein heißer Feger, wow! Und sag bitte nie mehr zu mir, ich soll mich wie eine Dame benehmen, ja?“ Sie grinst mich frech an. 
Ich sinke geschlagen aufs Sofa zurück. 
Ich wusste es.

(c) Elsa Rieger

17. März 2013



schau
mich bitte nicht so an
ich hab den winter überlebt
ganz ohne dich
bin daran erfrorn beinah
verkroch mich vor dem peitschenschlag
des nordwinds der nach meinem herzen griff

nun stehst du gegenüber
am praterteich und frühling wird
das schwanenpaar putzt sein gefieder
schwimmt zwischen letztem eis die ersten runden

ich hätt dich überwunden in den monaten
dacht ich – du sagst, verzeih
ich kann nicht widerstehn



(c) ELsa Rieger
Foto: (c) Richard Pumpler

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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❝ Mich fasziniert das Menschsein, Menschbleiben in unserer Welt der Polaritäten. Ist es nur möglich, ein kriegerisches 'Entweder - Oder' ins Leben hinauszubrüllen und darauf zu beharren, Recht zu haben? Oder haben wir die Chance, uns auf ein behutsames 'Sowohl - als auch' einzulassen und in die Welt zu tragen, damit sich die Akzeptanz unter uns ausbreiten kann?

Die Akzeptanz, dass schwarz nicht immer einfach schwarz und weiß nicht unbedingt für jeden gleich weiß ist. Lachen und weinen - zwei gegensätzliche Gefühle - und doch so nah beisammen im menschlichen Gesicht. Sowohl als auch. Das verbinde ich in meinen Texten. ❞ 

Elsa Rieger, Autorin

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