ELsa Rieger

SCHREIBTALK

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03. Dezember 2009



winternacht

schwarz verschleiert
im herzgrund
hinterm brustbein
wenn die nebel ziehn

bernsteinwärme missen
am abendlichen strand
in wellenträumen
lauschen weg vom
verstand sich auflösen


by ELsa
Foto: Günther Moro

01. Dezember 2009



Zu Bildern - wortlos -
wird Vergangenes
schlummern oft für lange
in den Tiefen der Herzen

bis ein Duft erweckt
ein Lichteinfall
beleuchtet etwas Altes

berauschend oder schrecklich
schmerzgeplagt oder freudig
steigen Bilder auf

sind sie doch stets präsent
unauslöschlich

by ELsa
Bild: Elis Stemberger

27. November 2009



Der Duft von Nähe

Zwei Tage nur!
Während die Großmutter ein Abendessen vorbereitet, streift Helene durchs Haus. An der Wand im Salon hängt das Foto eines ernst blickenden Mannes im besten Alter. Eine schwarze Seidenschleife ist um eine Ecke des Rahmens gebunden.
Helene geht die Treppe nach oben, sie entdeckt das Zimmer Desiderias. Auf dem Frisiertisch eine Schatulle, gefüllt mit Castagnetten, daneben ein weißes Samttuch, auf dem Variationen von Steckkämmen geschlichtet sind.
Sie öffnet den Schrank, der sich über eine ganze Wand erstreckt. Darin hängen Schnürmieder in rot und schwarz. Weite, lange Röcke. Unten stehen Flamencoschuhe, die Metallplättchen an den Sohlen haben.
„Caramba!“ Eine Welle von Stolz durchflutet sie. „Meine Mama, Flamencotänzerin.“
Sie legt sich auf das ausladende Bett zwischen die vielen Kissen. Es strömt eine Mischung aus Zitrone und Frauengeruch aus. Mamas Körper. Aus ihr komme ich. Sie schließt die Augen.

Später ruft die Großmutter nach ihr. So selbstverständlich. „Meine Suche hat ein Ende“, flüstert Helene und läuft die Stufen hinunter.
Es gibt Blumenkohl mit Tomatensalsa, Rosmarinkartoffeln und Ziege aus dem Ofen. In ihrem ganzen Leben hat Helene nichts derart köstlich geschmeckt.
„Ja, es ist dein Großvater auf dem Bild. Voriges Jahr ist er an Krebs gestorben. In unserem Bett“, sagt Großmutter. „Vierzig Jahre Liebe. Davon trennt man sich nicht so leicht. Erst als er roch, habe ich den Arzt gerufen, damit er den Totenschein ausstellt. Rodrigo ist immer bei mir, ich spüre es.“


by ELsa
Bild: Maja von Goya

24. November 2009



Helene und die Großmutter

Einige Minuten vergehen, ihr zittern die Knie, als sie hinter der Tür näherkommende Trippelschritte vernimmt. Dann sieht Helene im ersten Moment auf eine dunkelbraune Löwenmähne herab. Ein altes Gesicht mit hohen Backenknochen und spitzem Kinn, geformt wie ein Herz, blickt zu ihr auf. Der zierliche Körper der alten Dame ist in ein elegantes Schneiderkostüm gekleidet, der graue Stoff aus viel zu warmen Tuch.
Helene sagt: „Desideria?“
Ein spanischer Wortschwall ergießt sich aus dem Mündchen gegenüber. Fast ist Helene versucht, auf und davon zu rennen, sie ermahnt sich, zählt innerlich auf, was sie schon alles bewältigen konnte und unterbricht die unverständlichen Kaskaden. „Sénora, quiesiera Desideria, por favor?“
Die kleine Stirn runzelt sich. „Sie kommen eindeutig aus dem deutschen Raum. Was wollen Sie von meiner Tochter!“ Sie fragt nicht, sie schreit.
Helene flüstert: „Ich bin ihre Tochter aus Wien.“
Die alte Löwin fängt zu zittern an, drückt sich ans Türblatt, winkt Helene ins Haus. Sie stehen im dunklen Flur. „Ich bin deine Großmutter, Helene, willkommen.“
Der Raum, in den sie Helene führt, ist ein Salon, antik möbliert. Vor den Fenstern geraffte mitternachtsblaue Samtvorhänge, die schnörkeligen Sessel um den dunklen Holztisch mit demselben Stoff bespannt. Ein weißes Spitzendeckchen auf dem Tisch, eine Kristallschüssel, gefüllt mit Früchten. Die kleine Oma verschwindet in der Üppigkeit des Zimmers. „Im ersten Moment habe ich gedacht, verrückt zu werden. Du siehst aus wie sie vor zwanzig Jahren.” Ihr Deutsch klingt hart, ungelenk die Aussprache. Sie weist Helene einen Platz zu. Zu aufgewühlt, Worte zu finden, lächelt Helene nur und setzt sich auf die Kante des Sessels.
„Desideria ist nicht hier. Möchtest du Kaffee?“
Die Aufregung verebbt zur Enttäuschung. Wieder einmal nicht da für sie. Was hat sie denn erwartet von einer Frau, die sich aus dem Staub machte?
„Ich will meine Mama“, greint Helene und bedeckt ihr heißes Gesicht mit den Händen.
Dann spürt sie ein zärtliches Streicheln auf ihrem Scheitel. „Sei nicht traurig, Liebling, sie kommt doch am Wochenende heim. Immer. Sie arbeitet in Granada.”
Helene lacht erleichtert auf.
Die Großmutter lächelt auch. „Desideria ist Tänzerin im Theater.“ Sie hebt die Arme, macht einen Flamencoschritt und schnippt mit den Fingern. „Olé! Du bleibst hier bei mir“, bestimmt sie und zwickt Helene in die Nasenspitze.


by ELsa
Bild: Casa in Andalusien

15. November 2009



hol dich zurück – jetzt
wo alles gesagt ist
sattle das pferd

was kann schon geschehen?

sei königin
befahlst du mir
und: wälzt dich selbst
in feigheit

by ELsa


jetzt - tief in der stille
platzen alle träume

wie wird wohl alles weitergehen?

sattle das pferd
befahlst du mir
gewaltige leere: in deinen augen
weder sattel noch pferd

by @Miro

Aus dem Gemeinschaftsprojekt "Stadtlieben" Elsa Rieger und Miroslav B. Dušanić
Bild: Franz Marc, Träumendes Pferd

Anmerkung: Diese Parallelgedichte sind ganz neu, was mich sehr freut, Miro!

12. November 2009



Helene in Andalusien

Malaga. Es gibt eine Eissorte mit diesem Namen, sagt der Eisverkäufer am Flughafen zu Helene, „aber nix bei mir, schöne Dame.“ Er spricht Deutsch, war Gastarbeiter in München gewesen, erzählt er. „Ja, viele Busse nach Torremolinos, nur zehn Kilometer von Malaga weg. Links von Ankunftshalle, gleich fährt einer.“
Helene rennt los. Während abgeerntete Felder, ausgedörrte Erde der sonnenversengten Landschaft vorüber ziehen, geht Helene der Satz ihres Vaters über Desideria nicht aus dem Kopf: „Ein Mann war nicht genug, ein Land war nicht genug.“ Ob die Mutter überhaupt hierher zurückgekehrt war, die Reise nicht vergebens ist?
Sie selbst hat sofort aufgehört zu reisen nach diesem Satz. Hat Louis aus dem Leben geworfen, und nach einem traurigen Treffen mit ihrer Jugendliebe Erkan einen Strich unter alles gemacht.
Die Küstenstraße. Links das Meer, rechts terrassenförmig an den Hängen, Häuser dicht an dicht. Viele im spanischen Stil, verziert mit Balkonen und Türmchen, aber auch Bungalows.
Am Hauptplatz von Torremolinos steigt sie aus. Ihr Herz klopft bis zum Hals. Wohin? Die Angst macht sie schwach, mit Mühe zieht Helene den Trolley über den Platz, der in der Mittagssonne wie ausgestorben ist. Unter der Markise eines Obstgeschäftes verharrt sie zwischen den Wespen, die sich an Pflaumen und Trauben vergnügen.
Eine mittelalte, üppige Frau in einer Kleiderschürze, bedruckt mit hässlichen Blumen tritt vor den Laden. „Qué desea, senorita?“
„No entiendo.“ Ich verstehe nicht, das ist außer vielen Dank das einzige, was Helene auf spanisch sagen kann. „English?“, fragt sie.
„Sure. We live in Torremolinos all the year with tourists. What can I do?”
Helene fragt nach der Straße, in der Desiderias Elternhaus steht. Es ist nicht weit von hier. Mutig stößt sie den Namen ihrer Mutter hervor.
„I know her, yes. She lives with her mother in number four.“
“Muchas gracias, Senora!“ Am Liebsten würde Helene ihr die rissigen Hände küssen, kauft stattdessen ein Kilo schwarz schimmernde Trauben.
Nach ein paar Schritten ist die Papiertüte schon durchfeuchtet vom Saft der überreifen Beeren, Helene balanciert sie auf der Handfläche, zieht mit der anderen Hand ihr Gepäck hinter sich her. Ein Pulk von Wespen umschwirrt Helene, sie fängt zu laufen an. Bald reißt die Tüte, Helene wirft sie mitsamt den Trauben in einen Papierkorb am Straßenrand. Auch die Wespen bleiben zurück. Eine gefühlte Ewigkeit geht es zwischen den Häusern steil nach oben, Shirt und Jeans kleben an Helenes schweißnassem Körper. Endlich links die gesuchte Straße und gleich entdeckt sie das Haus Nummer vier! An der Ecke im Schatten eine kleine Bodega mit Tischchen davor. Helene lässt sich auf einen der Strohsessel fallen. Sogleich kommt ein Kellner mit dunklem Teint heraus. Hätte er keine knöchellange weiße Schürze um die schmale Taille, könnte er als fescher Torero durchgehen. Helene wischt sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht, bestellt Kaffee, Wasser. Auf der Toilette im Lokal wäscht sie ihr Gesicht, bestellt dann an der Theke ein paar Tapas. Lange sitzt sie visávis dem weißblitzenden Haus. Die dunkelroten Fensterläden aus Holz sind gegen die Sonne geschlossen. Bis zum späten Nachmittag harrt sie aus.
Das Haus liegt nun im bläulichen Schatten, Helene erschrickt, duckt sich in den Sessel, denn die Läden werden geöffnet, ein Fenster schwingt auf. Sie entspannt sich wieder, da oben steht niemand am Fenster. Wenn sie jetzt nicht zu dieser dunkelroten Haustür geht, wird sie es niemals tun. Sie zahlt, überquert die Straße und betätigt den Türklopfer, einen Löwenkopf aus Eisen.



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