Die Rahmenhandlung: Was, wenn ich aus heiterem
Himmel stürbe? Es wäre an sich wünschenswert, ganz ohne vorhergehendes Siechtum
abzuhauen. Das hieße aber auch, ohne Vorbereitung, ohne einen letzten Willen zu
hinterlassen, und, jetzt kommt’s, ohne die Corpora delicti früherer Zeiten
vernichtet zu haben, geschreddert, verbrannt, restlos alle gemacht, sodass kein
Fitzelchen mehr daran erinnert.
Eine Klosterschwester kann gewiss völlig entspannt
in den Himmel verschwinden, aber ich? Meine Nachfahren würden die Grabstätte,
unter der ich zerfiele, niemals mit Blümchen schmücken – sie kämen höchstens,
um draufzuspucken.
Nachdem ich also schon blitzwach bin, zwänge ich
mich in die Abstellkammer und hieve die Kartons mit den Beweisen vom obersten
Regalbrett. Ich schleppe sie auf den Wohnzimmerteppich und verfluche meine
sentimentale Ader, die Schuld dran ist, dass ich jetzt zwischen Haufen von
Fotos, Briefen, Andenken im Schneidersitz hocke, um meine schlimmsten
Jugendsünden zu vernichten. Erst hole ich mir aber ein Glas Rotwein, weil mich
das immer beruhigt, dann beginne ich die Berge zu durchforsten ...
Gegen drei Uhr morgens und nachdem die Flasche
Wein geleert ist, sitze ich vor drei Stapeln, die mein Leben dokumentieren.
Der erste beinhaltet meine Kindheit. Blondes
Lockenköpfchen, das zwei Babykatzen der Kamera entgegenhält, Foto mit
Schultüte, Hefte, seitenweise mit undefinierbarer Krakelschrift, gespickt mit
roten, ungeduldigen Korrekturen aus dem Füller der Lehrerin, manchmal ein
gewalttätiger, fetter 5er darunter. Und zwischendrin ein – mein – erster
Liebesbrief eines sechsjährigen
Mitschülers: Du bist die schönste Frau von der ganzen Welt! Gerührt öffne ich
noch eine Flasche des vorzüglichen Rotweins.
Im zweiten Stapel häufen sich Liebesbriefe und
schlechte Schulnoten. Dazu kommen ein Stammbuch mit rosenumrankten
Freundschaftsbekundungen und meine Tagebücher. Das erste endet mit dem Eintrag:
Heute habe ich endlich meine Jungfräulichkeit verloren, Gott sei Dank! Der
Daniel ist zwar ein Obertrottel, aber wurscht. Hauptsache, die Sache ist erledigt.
Dem Datum nach war ich fünfzehn Jahre alt.
„Prost!“, sage ich zum Sofa, auf das ich zu krieche,
den Packen meiner Teenagerzeit unterm Arm, das Glas balancierend. Liegend
stöbere ich weiter. Dramatischer Liebeskummer im zweiten Band der Aufzeichnungen,
immer schien ich mich in den falschen Kerl verknallt zu haben, ich arme Sau.
Trost fand ich, wie ich mich dunkel erinnerte, in den Armen meiner besten
Freundin. Wir übten auch die Sexualität miteinander, da wir dachten, vielleicht
würde es uns Liebeskummer ersparen. Aber es stellte sich heraus, dass wir zu
hetero waren, es half uns nicht weiter. Wir litten und rissen uns zur
Kompensationen irgendwelche Jungen in der Disco auf, egal, wie sie aussahen.
Ich sehe die Fotos durch. Sie wurden in der verruchtesten Diskothek der
damaligen Zeit geschossen. Auf den meisten sehe ich wie schwer unter Drogen
aus, unmöglich, das der Nachwelt zu hinterlassen! Es gab weiß Gott nicht viele
Substanzen auf dem Markt, aber manche Appetitzügler hatten phänomenale Wirkung.
Sie hielten wach, man diskutierte schlaflos über alles Mögliche, während man
eine Runde nach der anderen um den Häuserblock zog, um endlich so müde zu
werden, dass man schlafen gehen konnte.
Nach der zweiten Flasche Wein rutschen mir die Top-Secret-Belege vom Leib. Den Rest werde ich später... nehme ich... mir...
vor...
Kichern. Kichern! Kichern?
Ich schlage die Augen auf. Sie brennen. Mein Kopf
pocht. Sehr langsam drehe ich ihn dem Gekichere zu. Lore, meine halbwüchsige
Tochter, wühlt in meinem Geheimsten! Alle Kraft zusammennehmend rapple ich mich
auf.
„Was machst du da?!“
„Ach Mama, was warst du doch für ein heißer Feger,
wow! Und sag bitte nie mehr zu mir, ich soll mich wie eine Dame benehmen, ja?“
Sie grinst mich frech an.
Ich sinke geschlagen aufs Sofa zurück.
Ich wusste es.