ELsa Rieger

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31. Oktober 2008



Helene in London V

Als Helene mit Robert das Theater verlässt, hat Nebel die Stadt verhüllt. Zwei junge Frauen stehen vor dem Portal und bitten Robert um ein Autogramm.
Die eine sagt: „Sie sind der Rock-Star dieser Show.“
Die andere berührt seinen Ärmel: „Wir verehren Sie.“
Helene weicht einen Schritt zurück. Robert holt zwei Karten aus der Brusttasche. Sie haben die Form eines Messers. In der Klinge Roberts Porträt. Unwillkürlich schüttelt es Helene.
„Yes“, sagt er und kritzelt seinen Namen in den Messergriff. Er kneift die eine in die Wange. Die Mädchen trollen sich, der Nebel verschluckt sie schnell.
„Komm“, sagt Robert, fasst Helene um die Taille. Ihr werden die Knie weich, obwohl sie sich seiner Eitelkeit schämt. Trotzdem fühlt sie sich beschützt. So schnell gibt sie nicht auf. „Ich kann immer mit dir auf die Bühne. Angst habe ich keine mehr.“ Bei jedem Schritt tanzen die Streifen der Hose um ihre Beine. Der Nebel setzt sich in Tropfen auf der Haut ab.
„Du frierst.“ Robert geht schneller.
„Warum wohnst du in dem schäbigen Hotelzimmer?“
„Das machen hier alle, die auf der Reise sind.“
„Wann reist du?“
Robert lacht leise. „Ich weiß es nicht.“

Heute Nacht ist es in dem Zimmer schön. Auf dem zerschlissenen Teppich, der Bettdecke, überall, wo Helene hinsieht, rote Gladiolen hingestreut. In einer Dichte, die ihr den Atem raubt. „Ein Todesritual?“
„Aber Helene! Ein Freudenfest, du hast einen Auftritt mit mir gehabt, verstehst du?“ Robert wirft sich aufs Bett. Er verschränkt die Arme im Nacken. „Bleib“, sagt er, „ich kündige meine Assistentin.“
Helene legt sich auf den Teppich, mit beiden Händen schaufelt sie Blumen über sich, bis sie ganz und gar bedeckt von ihnen ist. Durch die Blüten schimmert das Deckenlicht rosa. „Du bist auf der Reise, lass uns nach Rom fahren, da ist es wärmer als hier.“
Sie hört, dass Robert aufspringt. „Du bist gut! Wovon soll ich leben? Ich bin kein Gigolo, der sich von einer reichen Bitch aushalten lässt.“
Helene schiebt die Gladiolen von sich. Er steht über sie gebeugt, funkelt sie an.
Also doch die pure Eitelkeit.
Sie krümmt sich zusammen unter den Schlägen. Seine Fingernägel sind zehn Zentimeter lang, hart und spitz. Kratzen ihr den Rücken blutig, die samtweiche Innenseite ihrer Schenkel. Der Geruch von Schwefel benebelt Helenes Sinne, auf den kahlen Hügeln, in den schroffen Klüften lodern Feuernester. Nackthalsige Geier kreisen über der Schlucht, in der Helene an einen Felsen gekettet ist. Wenn das Untier sie zerfleischt hat, werden sie sich auf ihre Reste stürzen.
„Kennst du Rom? Haben die Revuetheater dort?“ Robert hat sich zu ihr auf den Boden gesetzt und streichelt sie. Zart hängt der Duft der Gladiolen im Zimmer. Helene streift seine Hand ab, steht auf.
„Es ist zu spät.“ Sie kann die Tränen nicht verbergen, obwohl sie sich Mühe gibt. Sie neigt sich seinem Mund zu. „Lebe Wohl.“
Robert bleibt zwischen seinen Gladiolen sitzen, als Helene zur Tür geht, sie leise hinter sich schließt.


by ELsa
Foto: (c) Andreas Köckeritz http://www.pixelio.de

29. Oktober 2008



In meiner Stadt

Die Fantasie reitet durch enge Gassen
wo alte Frauen ihre Dackel pinkeln lassen
und stets Geschichte neben einem schreitet

Hell lacht der Wolferl Amadeé
Der Augustin lallt: Alles tuat ma weh
der Pesthauch liegt in den Gemäuern

Der Basilisk fletscht immer noch das Maul
vor dem Fiaker hinkt ein müder Gaul
Touristen schwärmen übern Graben

Im Beisel Geigenschmalz erklingt
ein Gast das gold’ne Herz besingt
da wird mir schrecklich und auch gut

Prinz Eugen winkt steif hernieder
am Heldenplatz sammelt sich’s wieder
das Gestern wächst kräftig empor

Nicht weiter tragisch wird’s genommen
wir sind durch vieles schon geschwommen
sind Meister des Vergessens

Wien is a wunderschöne Leich’
mit einem finsteren Bereich
und dennoch lieb ich es


Hören

by ELsa
Foto von der Schönlaterngasse

19. Oktober 2008



Helene in London IV

„Nun ist er mein“, sagt Helene zu Bev, die den Kopf schüttelt.
„Ich schau mir das bestimmt nicht an!“ Entschieden plustert sie ihre Üppigkeit auf, indem sie die Weite des violetten Samtkleides demonstrativ um sich ausbreitet, in die Kissen auf dem Sofa sinkt, theatralisch einen Arm über der Stirn drapiert.
„Hab dich nicht so, Bev“, lacht Helene. „Du tust so, als würde ich aufs Schafott geführt. Robert ist ein Künstler. Er kennt sein Geschäft.“

Aber dann – Bev hat sie wirklich nicht begleitet – in Roberts Garderobe, trinkt Helene zwei Gläser Kir Royal hintereinander.
„Dein Köper muss ganz und gar ruhig bleiben“, mahnt Robert. Seine Finger spielen Klavier in der Luft, die wie Papier ist. Trocken. Helene nimmt noch ein Glas.
„Ich bin ruhig. Vielleicht sterbe ich heute. Ich will in einem Zustand der Erleuchtung ins andere Blau übergehen. Das klappt nur, wenn man vollkommen ruhig ist.“
„Du bist verrückt“, sagt Robert und steckt ihr seine Zunge zwischen die Lippen.
Helene schminkt sich. Dunkelrot malt sie den Mund aus. Die Kostüme seiner Assistentin sind zu groß für sie.
„Das ist dumm.“ Robert verzieht das Gesicht.
„Ich weiß was“, sagt Helene, „hast du vielleicht ein Messer hier?“ Darüber muss sie sehr lachen. Er auch.
Sie schneidet die schwarzen Seidenhosen, ihren roten Pulli in Streifen. Sieht Robert an. „Heute nagelst du zur Abwechslung einen Punk an die Scheibe!“
Er fügt sich.

In einem Aufwallen von Angst will Helene hinter dem Vorhang, der sich gleich für ihren Auftritt öffnen wird, nach Roberts Hand greifen.
„Nicht jetzt“, flüstert er heiser. In seinen dunklen Augen flackert Anspannung.
Auch er hat Angst, denkt Helene. Das beruhigt sie.
Als er sagt: „Du musst Arbeit und Liebe auseinanderhalten“, öffnet sich der Vorhang. Robert zaubert sein umwerfendes Lachen ins Gesicht, wirft dem Publikum die roten Gladiolen zu, winkt dann Helene zu sich. Sie stakst in ihren hochhakigen Stiefeletten auf die Bühne. Nun nimmt Robert sie an der Hand, verbeugt sich und zieht auch Helene mit. Auf dem schwarzen Bühnenboden sind Markierungen mit weißer Kreide gemalt. Schon steht sie wieder kerzengerade neben dem Messerwerfer, der sie zur Zielscheibe führt. Während er Helene die Ledergurten umlegt, flüstert er erneut: „Das ist Arbeit. Ernst wie der Tod.“
Sie sucht seinen Blick, er sieht sie nicht an. Nun bin ich eine Sache, denkt Helene, eine Schießbudenfigur. Schwungvoll dreht sich der Geliebte weg, läuft zur Rampe, wo der Tisch mit den Messern steht. Ihre Schenkel fangen zu zittern an, der Tremor ergreift den gesamten Körper bis hinauf zu den Haarwurzeln. Robert tariert das erste Messer aus, wirft. Helene schließt die Augen. Ein Luftzug, ein Aufschlag neben dem linken Ohrläppchen. Die Schneide singt eine Zehntelsekunde. Ein Aufschlag nach dem anderen. Ein Messer streift die Unterseite von Helenes Oberarm knapp neben der Achsel. Sie hält die Augen fest geschlossen. Schweiß sammelt sich zwischen ihren Brüsten, rollt abwärts zum Bauchnabel. Dann eine kühle Hand an ihrem Hals, erschreckt reißt Helene die Augen auf.
Robert sagt: „Ist gut. Alles gut“, und drückt den Hebel, der die Scheibe in Bewegung setzt.
Die Welt zerfällt in bunte Wirbel, Strudel, Schlieren. In das, was sie einst war, ehe der Mensch sie sich fügte, verurteilte, gewertet hat. Durch die Lichtkreisel kriechen die Amphibien aus dem brodelnden Meer ans Land. Vulkane spucken Feuerfontänen, die Erde bebt unter den Schritten der Saurier. Ein Tyrannosaurus Rex beißt den Kopf vom langen Hals eines Dinos als handle es sich um einen kandierten Apfel am Stiel. Mammuts wiegen sich vorbei und dahinter brüllen die ersten Menschen, bewaffnet mit Stangen. So klein ist der Mensch.

Die Scheibe wird langsamer, steht still. Applaus rauscht in Helenes Ohren. Robert löst die Fesseln. Jetzt sieht er ihr in die Augen. „Und nun kommt die Liebe“, sagt er und hebt sie herunter.
In der Garderobe desinfiziert Robert den winzigen Schnitt auf Helenes Oberarm und klebt ein Pflaster darüber. Es ist eines für Kinder, Daisy Duck ist darauf, sie zwinkert mit ihren langen Wimpern.




by ELsa
Foto: Lilya Corneli

03. Oktober 2008



Helene in London III

„Yes“, flüstert Robert und küsst Helenes Tiefen.

Nach der Revue verabschiedete Bev sich mit einem anzüglichen Grinsen vor Roberts Garderobe. Helene klopfte. Die Assistentin, in Jeans und Rollkragenpulli, öffnete die Tür und ging davon. Robert saß auf dem Schminktisch, knetete Creme in seine Hände.
„Danke, dass du hier bist“, ging er zum Vertrauten über.
„Ja“, sagte Helene. Sie knetete den Riemen ihrer Tasche.
Robert sprang vom Tisch. „Was trinken?“ Er wartete nicht auf ihre Antwort, füllte zwei Gläser mit Grenadier und Sekt. Hielt ihr ein Glas mit der rosigen Flüssigkeit entgegen und Helene trat auf ihn zu. Sie tranken, er durstig, während sie nippte. Dann zog Robert sie an sich und gab ihr einen Kuss, den sie erwiderte. Was denn sonst?, dachte sie und sagte: „Ich will dich.“
„Ich weiß. Komm, gehen wir.“

Das Hotel ist schäbig. Billig die Zimmer sicherlich.
Als Robert in ihr explodiert, brüllt er: „Yes!“, rollt neben sie.
„Es tut mir Leid“, sagt Helene.
Er lacht. „Das sagen sonst die Männer. Ich war zu geil auf dich, zu schnell.“
„Es ist nur meine Angst.“
Er streichelt ihre Wangen. Sein Körper ist drahtig, so blass wie die Hände.
Helene fragt: „Deine Hände sehen so zart aus, wie kannst du so kräftig werfen?“
„Sie sind stark.“ Robert stützt sich auf den Ellenbogen, mustert sie.
„Hau mir eine runter, beweise es.“ Kaum ist es gesagt, schämt sich Helene dafür und versteckt ihr Gesicht unter der Decke.
„Nein. Das ist platt. Primitiv. Ich schlage nicht, ich werfe.“
Da steht Helene auf und stellt sich an den windschiefen Schrank. „Dann das.“
Robert schüttelt den Kopf. Er kommt zu ihr, reibt sich an ihrem Leib. „Willst du morgen mein Modell auf der Bühne sein? Wagst du es?“
„Yes“, sagt Helene.


by ELsa
Foto : Bryan Remer

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