ELsa Rieger

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ProLyKu-Schreibforum


26. Jänner 2007

eine ganze menge nichts
– um ein zündholz –
entfacht hellroten feuersturm

im wasserglas gesammelte
tränen vertrocknen und nachher
aus verbrannter erde sticht
kleines grün

by ELsa

23. Jänner 2007

das kind baut ein
wolkenkuckucksheim mit
vorhängen aus federnflaum
ich bringe teerosenblätter vorbei
die tür fällt zu
im nebelwehen suche ich das
alte wolkenschloss vergeblich –

doch hebe ich den kopf zum himmel
kann ich es fliegen sehen –
manchmal

by ELsa



19. Jänner 2007



kyrill atmet ein -
das haus derweil
umrundet von stillstand
geducktes warten in ohnmacht

kyrill atmet aus -
sein schrei wickelt tobend
sich herum - fensterglas
knistert wehrhaft
im balken knarren auf
biegen oder brechen -
und klein ist der mensch


Hörversion

by ELsa

18. Jänner 2007


trennung

nur einen wimpernschlag
dauerte das nein – mein lachen
tropft salzig bemüht und der
krawattenknoten sitzt schief
auf deinem tanzenden adamsapfel

was bleibt ist leere hinter der
geschlossenen türe und mein
schrei – lautlos

by ELsa


Bild: (c)Monika Kortmann
http://www.mo-ko.de/

13. Jänner 2007



nach jahren

was siehst du – fragte sie
und nahm die stufe
aus dem zug mit einem satz

es verschlug die luft
ihm – nichts neues sehe ich
log er derweil sie lachte

was siehst du – erneut und
ihre augen blitzten grün
dass er sich krümmte

doch als die finger ihrer
hand sein haar zerwühlten
klang heiser: eine starke frau

Inspiriert von meinem Kollegen Miroslav Dusanics

by ELsa

09. Jänner 2007


Heiße Sonne Afrika

Goldgelb stäubt der Sand
füllt den Becher
nur mit Durst

Trappeln über Dünenglut
am Gaumen klebt
die Zunge fest

Kleiner Mund sucht
an der Mutterbrust
die leer ist

by ELsa

Nach einem Jahr und den Gastspielen in Frankfurt, Hamburg, München, Berlin, Düsseldorf und Wien haben rund eine dreiviertel Million Besucher das magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens gesehen. Ein Euro jeder verkauften Karte - der „Afrika-Euro“ - ist in die Stiftung der Deutschen UNESCO-Kommission für die Kulturen Afrikas „Art in Africa“ geflossen. Bei der Stiftung handelt es sich um die erste ihrer Art überhaupt. Gegründet wurde sie am 14. Dezember 2005 anlässlich der Weltpremiere von AFRIKA! AFRIKA! in Frankfurt am Main, und zwar gemeinsam von der Deutschen UNESCO-Kommission und der Afrikanischen Zirkus GmbH & Co. KG. Von Anfang an war das Engagement der Initiatoren von AFRIKA! AFRIKA! für die Bewahrung und Vermittlung der Vielfältigkeit afrikanischer Kulturen Teil ihres Vorhabens. Ziel dieser Unterstützung ist es, über die unmittelbare Zusammenarbeit hinaus einen nachhaltigen Beitrag zur Entwicklung und Festigung der afrikanischen Kulturindustrie zu leisten. Schon frühzeitig stieß die Idee auf das besondere Interesse Doudou Diènes, des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, der AFRIKA! AFRIKA! beratend begleitet. Im August des vergangenen Jahres erklärte dann auch die UNESCO in Paris, dass sie die Schirmherrschaft für das Projekt übernimmt. Diese Verpflichtung und Auszeichnung zugleich gilt einem Unternehmen, das einen Teil seiner Einnahmen wieder nach Afrika zurückführen wird. Der „Afrika-Euro“ steht für die Kulturförderung in Afrika zur Verfügung. Bei der Auswahl und Unterstützung der zu fördernden Projekte kooperiert die UNESCO-Stiftung mit dem Goethe-Institut. Mit ihrer fachlichen Kompetenz sowie mit der Präsenz ihrer Institutionen in Afrika bieten die UNESCO und das Goethe-Institut eine Gewähr für die sachkundige Auswahl und Begleitung der Fördervorhaben, die ausschließlich afrikanischen Interessen, nicht der Umsetzung europäischer Afrikavorstellungen dienen. Dieser besondere Einsatz ist getragen von der Überzeugung, dass Kunst und Kultur entscheidende Voraussetzungen für das Selbstbewusstsein aufstrebender Gesellschaften sind, dass sie deren Kreativität und Identitätsbehauptung fördern, im Innern wie über die Grenzen hinaus. Mögliche erste Förderprojekte konnte das Goethe-Institut im Rahmen des Münchner Gastspiels in den Zeltpalästen von AFRIKA! AFRIKA! vorstellen. Die Compagnie Phénix aus Kamerun begeisterte mit der Präsentation einer ihrer Performances modernen Tanzes. In der Preview des Dokumentarfilms „Dance meets Differences“ stellte Gerhard Schick den interkulturellen Tanzworkshop Gerda Königs vor, in dem kenianische Künstler mit und ohne körperliche Besonderheiten zusammen arbeiteten. Der ägyptische Popstar Mohamed Mounir, dem in der arabischen Welt Zehntausende zujubeln, präsentierte, verbunden mit einem mitreißenden Konzert, sein Förderprojekt „Musik der Nilländer“. Ein theoretisches Fundament fand die Präsentation der Fördervorhaben in einer flankierenden Podiumsdiskussion, in der ausgewiesene Afrika-Kenner Potentiale und Risiken einer Kulturförderung in Afrika beleuchteten.

Eine Vorstellung der geförderten Projektvorschläge wird im Frühjahr 2007 erfolgen.

03. Jänner 2007

es deckt einen da keiner zu
/ – bertolt brecht /


trifft eisig zwischen augen-
blicke stecken in pelzkrägen
hüllen sich tiefer – selbst die straße

friert – das tor im rücken gegen
den wind stoßweise leben
wegfegen und finger mit

trauerrand umkrallen
den karton mit rotem

der wein ist zu kalt

Hörversion

by ELsa

01. Jänner 2007

Zum Neujahr einen meiner Lieblingstexte:

Der Mensch

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion. Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.

Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie Kultur, Kunst und Wissenschaft. Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen geradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es gerade noch für möglich hält. Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:

In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab. Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frisst er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen. Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen hasst die anderen Klumpen, weil sie die anderen sind, und hasst die eigenen, weil sie die eigenen sind. Den letzteren Hass nennt man Patriotismus.

Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht. Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.

(c) Kurt Tucholsky

In diesem Sinne,
ELsa

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