ELsa Rieger

ELsa Rieger
Foto - Christian Rieger

30. November 2008



Ein Mal ist kein Mal

Klein und verwackelt. So bezeichnete sich Samira. Mitten auf ihrer Nasenspitze saß ein Muttermal. Das linke Schulterblatt stand hervor wie ein Flügel. Samiras Arme reichten fast bis zu den Knien, die Oberschenkel waren zu kurz geraten. Ihr Haar, stumpfbraun und struppig, schimmerte im Sonnenlicht grünlich.

Manchmal, wenn sie das Gefühl hatte, etwas besser dazustehen in der Welt, nannte sie sich „klein und grün“. Diese Momente fanden statt, wenn wir nach draußen fuhren und durch Wälder streiften. Da richtete sich Samiras kleiner Körper auf, ihr Atem stotterte nicht aus der Brust heraus, sondern floss in gleichmäßigem Strom. Ohne das geringste ängstliche Schwanken, das sie in der Stadt heimsuchte, schritt sie sicher aus. Auf dem Heimweg in der Straßenbahn sank sie jedoch wieder in sich zusammen.

Samira ist meine beste Freundin seit dem Kindergarten. Schon damals war sie anders, was sie zum beliebten Opfer machte. Ich beschützte sie, wann immer es möglich war und schlug mich sogar für sie.

Ihr Liebling, mich ausgenommen, war Haustier Felix, ein Gecko. Er lebte in Samiras Schlafzimmer hinter ihrem wertvollsten Schatz, einer gerahmten, signierten Zeichnung von Jean Cocteau, die eine Szene aus dem Film „La Belle et la Béte“ darstellte.
„Felix ernährt sich selbst“, grinste sie.
Das Bild hatte ihr die Mutter vor ihrem frühen Tod geschenkt, ebenso die Zauberkraft. Sie sagte damals, dass sie weiße Hexen wären, die mit dem Vodoo-Scheiß nichts am Hut hätten.
„Eine Lebensversicherung, wenn nichts mehr geht.“ Meine Freundin knusperte ihr billiges Knäckebrot, verkroch sich daheim in ihrem verschlissenen Lehnsessel und las Tag und Nacht in den Büchern, die sie auf dem Flohmarkt erstand.

Oberflächlich betrachtet, lebte sie von nichts. Im Nichts. Unter dem Existenzminimum. Ihr Halbtagsgehalt als Buchhalterin in einem kleinen Zuckerlgeschäft langte gerade für Miete und Heizung. Und das mit über vierzig. Ich war empört darüber, aber auch beeindruckt, denn Samiras ethisches Bewusstsein stand der Verbesserung ihrer Lebensumstände im Wege. Sie war nicht käuflich und das war ihre Crux. Es hätte so einfach sein können, einen gewissen Wohlstand zu erreichen oder wenigstens ihre Verpackung zu ändern, in der ein hochgradig gebildetes Wesen steckte. Ein kleiner Hexenzauber und schon ... aber sie weigerte sich strikt: „Nur weil ich über magische Kräfte verfüge, heißt das noch lange nicht, dass ich Dinge tue, die mich korrumpieren könnten, Stefanie“, sagte sie.
„Du würdest aber Menschen damit helfen und gleichzeitig Geld verdienen.“
„Tu ich nicht.“
„Kranke gesund machen?“, schlug ich vor.
„Und dann würden sie sich Reichtum wünschen, oder ewiges Leben oder sonst einen Irrsinn. Es gibt kaum anständige Menschen auf der Welt. Sieh dich um“, antwortete Samira und beendete das Gespräch.

Ganz selten hexte sie schon. Das wusste ich, weil ich einmal dabei war. Ich hatte sie zu einem Stadtspaziergang überredet, wir standen vor einer Boutique, in der ein tolles rotes Etuikleid hing, dass ich gern gehabt hätte. Da kreischte eine Frau hinter uns: „Hilfe, meine Tasche!“
Wir sahen den Dieb davonlaufen, Samira schnalzte mit den Fingern, und er fiel der Länge nach hin. Ihm wurde die Beute entrissen. Die ärmlich gekleidete Rentnerin war heilfroh, ihre Tasche wieder zu haben. Samira stritt zwar ab, etwas gedreht zu haben, aber ich wusste genau, dass sie es war.

Eines Tages verliebte ich mich rettungslos in Gerrit. Ein Bild von einem Kerl! Leider zeigte er null Interesse für mich. In seiner Stammkneipe himmelte ich ihn schamlos an, was Gerrit lediglich ein gelangweiltes ‚Über-mich-Hinwegsehen’ entlockte. Es war die schiere Qual.
Ich schüttete Samira mein Herz aus. Sie löffelte ihren Joghurt und rümpfte die Nase. Nun sah sie wirklich wie ein verwahrlostes Kätzchen aus, mit dem wackelnden Leberfleck.
„Hilf mir, Samira, bitte“, flehte ich liebeskrank.
„Kann nicht“, murrte sie.
„Mach doch einmal eine Ausnahme, du bist mir was schuldig. Wie oft habe ich dich aus dem Mob in unserer Kindheit rausgehauen, ha?“
Ihre Augen funkelten. „Ach? Du willst mich erpressen?“
Ich senkte den Blick vor Samiras Wut, bestand aber darauf, dass es ihre verdammte Pflicht war, mich zu unterstützen.
„Okay“, lenkte sie ein, „ich verstehe deinen Wunsch, geh hin und hol dir das Objekt deiner Begierde.“ Sie fuchtelte mit den langen Armen um mich herum, zischelte: „Szinggwigringkawumm“, für einen Moment flammte es in ihrem Wohnzimmer glutrot auf, es sirrte und pfiff, dann war es still.
Ich umarmte sie voller Glück.
„Na los doch“, sagte sie freundlich, „aber ich schwöre dir, es war die absolute Ausnahme, bitte mich niemals wieder um so etwas, denn ich werde es nicht tun. Kein einziges Mal mehr.“
Ich versprach es hoch und heilig, schwor es sogar beim Namen meiner Mutter, so aufgeregt vor Vorfreude, dass meine Stimme ganz tief und heiser klang. Ich rannte heim, um mich herauszuputzen.
Vor der Wohnungstür begegnete mir die Nachbarin. Sie sah mich seltsam an, fragte: „Wohnen Sie hier?“
War sie besoffen?
„Aber ja, Frau Meier!“, sagte ich befremdet und knallte die Tür hinter mir zu.
Fast wäre ich gestorben, als ich mich im Spiegel erblickte. Das war doch nicht möglich! Mit zitternden Fingern tippte ich Samiras Nummer ins Telefon. „Bist du sicher, du hast den richtigen Liebeszauber genommen? Weißt du eigentlich, wie ich aussehe!“, brüllte ich.
Samiras glockenhelles Lachen erklang. „Klar weiß ich das, Stefanie. Du wolltest doch unbedingt den tollen Kerl. Um ihn zu kriegen, musst du ab jetzt Stefan heißen. Kapiert?“
Ich brach ohnmächtig zusammen.
Als ich zu mir kam, warf ich einen genaueren Blick in den Spiegel, um festzustellen, dass ich ein passabler Mann war, und kicherte über die Untertreibung des Jahrhunderts. Niemals vorher war ich so schön gewesen! Waschbrettbauch, breite Schultern, bronzebraun glänzten Haut und Haar, veilchenblaue Augen blitzen vergnügt aus den edlen Gesichtszügen. Ungläubig starrte ich lange Zeit auf den Prachtkerl. Das Kleid sollte natürlich gegen ein anderes Outfit gewechselt werden; ich zog meinen größten Pullover und meine engsten Jeans an. Was für ein Knackpo!
Danach raste ich zu Samira. Eine unbekannte Schönheit öffnete mir. Ein Rasseweib im roten Etuikleid. Sie warf die golden schimmernden Locken in den Nacken.
„Na? Schon erholt vom ersten Schock?“
„Samira?“, stotterte ich.
„Komm rein“, sagte sie nickend.
Dann saßen wir nebeneinander auf ihrem Sofa und ich konnte mich einfach nicht satt sehen an ihr.
„Ein Mal ist kein Mal“, kicherte sie. „Nur für heute Abend.“
Gecko Felix lugte hinterm Cocteau hervor und schnalzte leise, als ich zum ersten Mal meine Hand zwischen die Schenkel einer Frau legte.


by ELsa
Foto: Lilya Corneli

Kommentare:

syntaxia hat gesagt…

Hallo Elsa,

das war jetzt aber spannend!!
Absolut flüssig und mitnehmend.
Erst suchte ich Helene, aber dann vergaß ich sie schnell..;-)

Liebe Grüße schickt dir Monika

schreibtalk hat gesagt…

Liebe Monika,

danke schön, dass du es auch ohne Helene gut gefunden hast.

Helene kommt aber bald.

Liebe Grüße
ELsa

Paul Spinger hat gesagt…

Aber das ist doch eine von den tollen Geschichten, die Helene erzählt hat, oder nicht?

schreibtalk hat gesagt…

Lieber Paul,

Helene könnte sie erzählen haben, hat aber nicht :-)

Die habe ich erzählt außertourlich, sozusagen.

Danke fürs "toll"!

Herzlich
ELsa

lylo hat gesagt…

ich liebe sie, diese geschichte. immer wieder!
und alle anderen ... *ggg*
alles liebe!

schreibtalk hat gesagt…

Ganz herzlichen Dank, lylo!

*strahl*

Deine ELsa :-*

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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