ELsa Rieger

ELsa Rieger
Foto - Christian Rieger

20. Mai 2010



Flugstunden

Nach seiner Sturzgeburt im Supermarkt war Pit fürs Leben geprägt. Hätte nicht die Angestellte der Gemüseabteilung eine Steige Salatherzen zwischen die Beine seiner Mutter geschoben, wäre er mit dem Kopf voran auf den Fliesen zerschellt.
Der Vater, der ums Eck an der Fleischtheke anstand, um Schnitzel für das Sonntagsessen auszusuchen, wurde durch das Kreischen einer Frau alarmiert, die danach über den Orangen ohnmächtig zusammenbrach. Inzwischen war seine Frau sanft auf den Boden gelagert worden, auf ihrem Bauch sein Sohn. Der Notarzt war schon unterwegs.

Pit war das lang ersehnte Kind, beim Stillen sagte die Mutter immer wieder erstaunt, „du bist kopfüber in die Welt gestürzt, so was.“
Der Vater meinte: „Der Junge wird sicher Großes tun im Leben – so eilig, wie er es hatte.“

Sobald Pit laufen konnte, kletterte er auf alles hinauf und verschaffte sich einen Überblick. Zuerst vom Gitterbett, später von Stühlen, danach kamen die Tische dran. Mit ausgestreckten Armen segelte er hinab. Mit vier eroberte er den Schrank im Kinderzimmer. „Mami“, rief er.
Sie schlug die Hand vor den Mund. Zitternd sagte sie: „Bleib oben, ich hole dich.“
„Nein!“ Er flog aus der Höhe von einem Meter achtzig in ihre Arme.
Der Vater schraubte Stuhl und Tisch am Boden des Kinderzimmers fest, damit Pit keine Klettertürme mehr bauen konnte.

Im Alter von zehn zwängte er sich durch die Dachluke und balancierte auf dem First. Seine Mutter jätete Unkraut, stolperte bei „Juhu, Mama!“ durch die Salatsetzlinge. Sie verharrte mit bleichem Gesicht und starrte ihren Jungen an, der sich am Wetterhahn festhielt.
„Pass auf, ich fliege jetzt!“
„Bitte nicht, Pit, ich flehe dich an!“
Doch er streckte wie gewohnt die Arme aus und stieß sich ab. Die Mutter fing ihn auf und brach sich drei Rippen.
„Er ist verrückt“, schluchzte sie leise, als Pit abends im Bett lag; jeder Atemzug verursachte ihr Schmerzen.
Der Vater kratzte sich im Nacken. „Ein schweres Los. Was können wir tun?“

Pit überlebte seine Kindheit. Die Pubertät schien ihn von weiteren Flugversuchen abzulenken; er benahm sich wie alle seiner Altersgenossen, fuhr Skateboard, wenn auch über die höchsten Rampen, und machte seine ersten sexuellen Erfahrungen.
„Er hat es überwunden!“ Die Eltern schöpften Mut, denn Pit sprang nirgends mehr hinunter. Ein einziges Mal nur konnte er einen Sturz spüren in dieser Zeit – er schluckte mit ein paar Freunden LSD, schwebte und fiel lange Stunden durch sein inneres Weltall. Er fragte die Mutter über die Umstände seiner Geburt aus, weil er immer wieder vage davon träumte. Sie wand sich und lächelte nur.

„Ich möchte Physik studieren mit Schwerpunkt Aerodynamik“, eröffnete er den Eltern nach dem Abitur, verschwieg allerdings, dass er Selbstversuche einplante. Er bewarb sich um einen Studienplatz an der Universität Innsbruck. Am Zug klopfte ihm der Vater auf den Rücken, „Mach’s gut, Pit“, und die Mutter weinte.
Sofort nach der Immatrikulation schrieb er sich in einen Kurs für Paragliding ein. Danach schaffte er sich von seinem Ersparten einen Gleitschirm an. An den Wochenenden kletterte Pit auf die Berge. Bald hatte er eine Steilwand gefunden, die eintausend Meter hochragte. Er biwakierte am Felsabsturz und wartete auf den morgendlichen Aufwind, der sich um sieben Uhr einstellte. Dann zog er den Schirm auf und rannte los. Mit einem Schrei warf er sich über die Wand, gewann an Höhe und sein Jubel schallte übers Tal.
„Ich fliege“, schrie er ein ums andere Mal. Nach zwei Stunden landete er in einem Kornfeld.
Am nächsten Wochenende kletterte er auf einen Zweitausender. Sein Herz klopfte wild, als er ganz weit unten das winzige Dorf ausnahm. Ein Steinadler segelte auf Augenhöhe vorbei.
„Du wirst gleich den Himmel mit mir teilen“, rief Pit. Der beginnende Morgenwind raubte ihm den Atem. Er rannte los, die Luftkammern des Schirms füllten sich und seine Sprünge berührten kaum mehr den Boden. Kurz vor der Kante hob er ab, rauschte darüber, schwebte höher und höher.
„Frei“, flüsterte er. Er sah auf die Almen hinunter. „Frei!“, schrie er.
Pit legte sich in die Kurve, immer steiler und wirbelte in einer Spirale hinab, tiefer und tiefer. Als er auf der Höhe von dreihundert Metern den Schirm stabilisieren wollte, schoss ein Schatten auf ihn zu und im nächsten Moment blickten ihn Raubvogelaugen an. Pit riss an den Steuerleinen, verlor die Strömung und der Schirm klappte zusammen. Über ihm stieß der Adler einen Pfiff aus. Pit raste abwärts. Und auf einmal blitzen innere Bilder auf, die er nicht einordnen konnte. Grelles elektrisches Licht, Blut, das von seinem Kopf tropfte – er war ein Baby und hing bis zum Hals senkrecht aus einer Öffnung, die seinen Körper saugend festhielt.

Als er zu sich kam, spürte Pit den Schlauch in seiner Kehle, hörte ein rhythmisches Atmen neben sich. Er öffnete die Augen, Neonlicht blendete ihn. Der Wunsch, sich mit seinem Schmerz zu verkriechen, am besten in einer tiefen Höhle, in warmer, weicher Dunkelheit, schwappte über ihm zusammen. Er benötigte einen Moment, um sich davor zu schützen. Erst musste er doch wissen, wo er war, was mit ihm passierte. Pit blickte herum. Die Geräusche kamen von einer Art Blasebalg. Fiel er in sich zusammen, blähte sich Pits Brustkorb, breitete er sich aus, sank die Brust. Da waren noch viel mehr Schläuche und Kabel. Seine Überlegungen führten nirgendwohin, die Atemmaschine zwang ihm ihren Rhythmus auf und plötzlich rauschte ein aufgeregter Typ in weißem Mantel herein.
Dass er sich in einer Klinik aufhielt, hatte Pit mittlerweile verstanden, aber sonst nichts.
Der Arzt sah aus wie ein Grubenarbeiter mit seiner Stirnlampe. Er setzte sie in Betrieb, zog Pits Augenlider auseinander und leuchtete ihm in die Pupillen. „Alles bestens“, sagte er abschließend, „willkommen zurück in der Welt!“
Aber was für eine Welt war das nur, fragte sich Pit. Er schwieg, wollte nur zurück ins Dunkel.

Ein Ehepaar besuchte ihn und behauptete, seine Eltern zu sein. Wenigstens wusste er aus Erzählungen, dass er drei Monate in ein künstliches Koma verbannt worden war, damit ein komplizierter Schädelbruch heilen konnte.
Nach einem Reha-Aufenthalt, der jedoch sein Gedächtnis auch nicht wieder brachte, baten die Eltern ihn, heimzukommen. Pit wagte einen ersten Besuch. Er sichtete das Zimmer seiner Kindheit und Jugend, alle Gegenstände schienen ihm fremd, geradezu unheimlich. Viel zu hell und blankgeputzt waren die Räume, in denen er angeblich aufgewachsen war. Am Liebsten lag er unter seinem Bett. Er zog die Zierdecke bis zum Boden herab, dann war es wohlig dunkel dort. Sein Studium, seine Ambitionen, höher und höher zu steigen, seine Begeisterung fürs Herabsegeln, alles war ausgelöscht. Die Geschichten darüber waren rätselhaft und bedrohlich. Bei dem kleinsten Gedanken daran begann die Narbe auf seiner Schädeldecke wie verrückt zu jucken.
Er spazierte durch die Wälder der Umgebung, wartete darauf, sein bisheriges Leben wiederzubekommen und studierte derweil Ameisenhügel, Maulwurfsstollen, das Unterirdische. Er meldete sich zu einem Höhlengang an. Mit der Zeit bezwang Pit immer größere und vor allem tiefere Grotten und Höhlen. Es artete zu einer Sucht aus. Das hohle Tropfen von den Wänden, der Hall, den ein Seufzer Pits erzeugte, die Dunkelheit beglückten ihn.
Eines Tages, er kroch schon lange verbotenerweise ganz ohne Führung durch die Unterwelt, endete der Gang vor einem Abgrund. Pit schätzte die Tiefe auf einhundert Meter. Etwas in ihm wollte die Arme ausbreiten und abwärts schweben. Mit aller Willenskraft stemmte er sich dagegen und umklammerte den Tropfstein neben sich. Er presste die Lider zusammen, hoffte, wenn er nicht mehr hinsähe, würde das Gefühl abklingen, sich dort hinabwerfen zu wollen. Er schrie erstmals nach dem Erwachen aus dem Koma, der Schrei vervielfachte sich, schlug von den Wänden zurück, schraubte sich in Pits Gehörgang. Dazu zeigte ihm sein Gehirn Bilder eines Adlers, der durchs Blau segelte, ihn selbst, wie er pfeilschnell auf einen Wald zuschoss.
Er zitterte, die Beine knickten ihm weg und er sank an dem Fels zu Boden.

Als Pit danach in das Haus seiner Eltern zurückkehrte, sagte er: „Mama, Papa, wisst ihr was? Ich bin als Flieger geboren! Vielleicht sollte ich zur Raumfahrt gehen?“
Er zuckte zusammen, weil die Mutter einen spitzen Schrei ausstieß.
„Du willst zum Mond fliegen, oh nein!“
Er stand im Sonnenlicht, streckte die Arme dem Himmel entgegen und lachte. „Weiter, Mama, viel weiter.“


(c) Elsa Rieger

Kommentare:

Rachel hat gesagt…

Liebe, gute, kluge Elsa,

ich bin sprachlos. Das ist eine einzigartige Geschichte. Deine Sprache, deine Gedankengänge, dieses Zusammenfügen dann, ich bin nicht nur sprachlos, sondern auch total begeistert!!!!!!!!!!!!!!!

Nicht *weiter Mama* - sondern weiter Elsa, würde ich jetzt auf Anhieb sagen wollen..lächel..

ich drück dich lieb, Rachel

schreibtalk hat gesagt…

Meine liebe Rachel,

Nun siehst du mich hier dankbarst hüpfen vor Freude über dein großes Lob!

Danke!

Hach!

Herzensgrüße
ELsa

Dagmar hat gesagt…

Liebe Elsa,

was soll ich jetzt noch dazu sagen, nach den schönen Worten von Rachel? Das ist alles sooooo wahr!

Also, flieg weiter in deinem Leben, immer in Richtung Sonne!

LG
Deine Dagmar

schreibtalk hat gesagt…

Liebste Dagmar,

ich danke dir ganz herzlich!

Bussi
ELsa

syntaxia hat gesagt…

Liebe Elsa,

du hast mich gefesselt und mein Herz klopfte als Pit flog!
Das ist toll und es ist tragisch zugleich!!!

..grüßt dich Monika herzlichst

ex - il@miro hat gesagt…

G R O S S A R T I G !

schreibtalk hat gesagt…

Liebe Monika, lieber Miro,

DANKE DANKE DANKE!

Mit so erfreulichem Echo hätte ich nicht gerechnet!

Liebe Grüße
ELsa

ahora hat gesagt…

Liebe Elsa, ich habe beim Lesen die Zeit vergessen. :-)

Bei Graugänsen - und eben nicht nur bei ihnen - ist der erste Eindruck im Leben der wichtigste.

Mir kanm der Gedanke,ob es ihn zuguterletzt in den Supermarkt zieht, um dort eine Arbeitstelle anzunehmen? *ggg*

Sonnige Pfingstgrüße sendet Dir
Barbara

schreibtalk hat gesagt…

Liebe Barbara,

Zeit vergessen: Ein gutes Zeichen, danke!

Vielleicht wird Pit auch Salatgärtner? :-)

Liebe Grüße
ELsa

ex - il@miro hat gesagt…

Die Realität dieser Geschichte beeindruckt…

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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