ELsa Rieger

ELsa Rieger
Foto - Christian Rieger

25. März 2009



Bang Bang

Das ist ja vielleicht eine abgefuckte Kneipe, in die Crazy mich geschleppt hat. Die fahren dort voll auf die Oldies aus den Siebzigern ab. Der Tresen kurz vor dem Zusammenbrechen. Wir halten die Biergläser fest, würden sonst glatt runterrutschen.
„Ist der coolste Lesbentreff in town“, brüllt Nina. Crazy nennt sie sich erst seit dem Unglück.
„Ist doch voll toll, ne?“ Ihre grünen Augen strahlen. Mit der typischen Bewegung, den Kopf fast bis zum Boden gesenkt, wirft sie ihre hennaroten Dreads auf den Rücken.
Prost, schreit sie in die Runde. Die Frauen rundum senken die Blicke.
Jimi Hendrix und seine Experience dröhnt aus den Boxen an der Decke.
„Was machen wir hier eigentlich?“, frage ich.
„Hä?“
Ich lege den Mund an ihr Ohr.
„Finale!“ Crazy wischt den Schaum vom Mund.
Das Bier ist lauwarm. An der Ziegelwand hinter dem Tresen klebt in silbernen Lettern: Die Rock-Weiber. Hendrix’ Foxy Lady lief.
„Los, schwing deinen Luxuskörper.“ Crazy zerrt mich zur Tanzfläche. Nach einer Stunde extremen Headbangings gehen wir erhitzt vor die Tür. Sie grinst mich an. „Traurig, dass du lieber mit Männern rummachst, Baby.“
Seit dreißig Jahren nennt sie mich so.

Wir waren Nachbarskinder, ich drei Jahre jünger, und sie beschützte mich. Haute ihre Schaufel jedem auf den Kopf, der mir die Sandformen oder den Eimer wegnehmen wollte. Später in der Schule und während der Pubertät war sie meine Löwenmutter. Wir verloren uns erst am Tag des Unglücks aus den Augen. Es dauerte zwei Jahre, bis sie wieder Kontakt mit der Welt und mit mir aufnahm. Und dann behauptete sie, in Wahrheit sei sie Lesbe. Ich schnallte aber gleich, dass sie damit nur den Männern den Krieg erklärte. Schließlich kann man nicht einfach so lesbisch werden. „Doch, Baby, man kann so vieles“, hatte sie mich angeschnauzt.

„Muss was trinken“, sagt Crazy und schiebt mich zurück ins Die Rock-Weiber.
Sie säuft. Man sieht es ihr mittlerweile auch an. Der Alkohol schwemmt sie auf.

„Wie wär’s mit Therapie?“, fragte ich ab und zu.
Wenn sie schlecht drauf war, schrie sie, „Lass mich mit dem Psychoscheiß in Ruh!“ Als ich sie eines Abends wieder darauf ansprach, schluchzte Crazy leise, „Herzbruch, verstehst du? Irreparabel, verdammt. Dann knallte sie meine Wohnungstür zu. Ich hörte sie nebenan heulen; wir waren wieder Nachbarn.
Ich sagte nichts mehr.

Crazy kippt das dritte Bier, bestellt Southern Comfort. „Damit hat sich Janis Joplin tot gesoffen, na denn!“, sagt sie und zündet das Getränk mit dem Zippo an. Weiche blaue Flamme. Als sie erlischt, trinkt Crazy gierig. Leckt die Lippen ab. „Bourbon und Pfirsichlikör – es gibt nichts Besseres.“
Plötzlich fliegt sie in meine Arme, irgendeine hat sie gestoßen. Mit einem Schrei schnellt Crazy herum, packt sie an der Kehle. „Bist du bekloppt! Leg dich ja nicht mit mir an.“ Sie schlägt die Stirn gegen die der Frau. Wieder und wieder.
Ich zerre sie an der Taille, die Leute schreien, „Lass gut sein, Crazy!“
Aber sie macht weiter, bis die andere wegsackt. Sie wirft einen triumphierenden Blick in die Runde, ihre Stirn blutet. „Nicht mit mir!“ Dann bestellt sie noch einen Southern Comfort.
Ein paar Gäste helfen der Frau auf die Beine. Sie zieht heulend ab.
„Mensch, Crazy, das war echt nicht nötig“, sage ich und wische das Blut mit Klopapier von ihrer kleinen Platzwunde.
Sie blickt mich von oben herab an, „Hast du eine Ahnung, was alles nötig ist, Baby.“
Sie trinkt, zahlt. „Let’s go!“
Auf der Straße breitet Crazy die Arme aus. „Was für ein herrlicher Abend! So was sollte ich mir öfter mal gönnen.“
„Jemanden zusammenschlagen?“
Sie nickt, läuft ein Stück voraus, legt den Kopf in den Nacken und jault den Mond an. Als ich sie eingeholt habe, grinst sie. „Mach du auch mal, Baby!“
„Lass uns heimgehen, ich kann das nicht.“
„Fick dich!“
Aber sie geht mit.

Crazy hatte keine Beziehung. In kürzester Zeit trat sie alles kaputt. Eigentlich wollte sie mich. Nach einem Versuch miteinander habe ich das Handtuch geworfen, ich brachte es einfach nicht. Ab da küssten wir uns freundschaftlich und jede ging in die eigene Wohnung. Unsere Betten standen an einer Wand; diejenige, die das Licht zuerst abdrehte, klopfte einen Rhythmus dagegen. Die andere antwortete.

Heute bin ich erledigt und klopfe zuerst. Warte. Hämmere. Keine Antwort. Ich rufe sie an, höre drüben ihr Telefon klingeln, sie nimmt nicht ab. Ich krame Crazys Reserveschlüssel aus dem Schreibtisch. Hauslatschen an und rüber. Sie sitzt am Küchentisch. Die Wimperntusche rinnt in zwei Streifen über ihre Wangen, sie hat den Lauf einer Pistole in den Mund gesteckt.
Mich trifft fast der Schlag. „Crazy“, sage ich, „ich liebe dich.“
„Das Kind ist in den Teich gefallen“, nuschelt sie, Tränen tropfen ihr in den Ausschnitt.
„Es ist sieben Jahre her, Nina, du konntest nichts dafür. Ein Unfall ...“
Sie reißt den Lauf aus dem Mund, fuchtelt herum. „Nur weil das Arschloch mir unbedingt in seiner Mittagspause an die Wäsche wollte! Scheißkerle!“ Crazy zittert so, dass ihr Schenkel gegen das Tischbein schlägt. „Baby, Johnny war nicht mal vier! Ich hab ihn allein gelassen im Garten, verstehst du? Und dann ist er auf dem Bauch gelegen, zwischen den Seerosenblättern. Hat ausgesehen, als schläft er ... so ein kleiner Sarg ...“ Ihre Augen funkeln vor Schmerz, ich habe eine Heidenangst, dass sie den Abzug drückt. Vorsichtig sage ich, „Er war dein Mann, du hast ihn ... geliebt.“ Das letzte Wort kann ich nur noch flüstern, denn sie ist aufgesprungen und hält mir den Griff der Waffe hin. „Baby, shoot me down!“
Ich pralle zurück, „Hey ... Nina, ohne dich ... mein Leben ist ... scheiße ohne dich.“
„Blödsinn! Ich bin Scheiße!“ Sie bebt vor Wut und was weiß ich noch alles.
„Du bist Crazy, meine Löwenmutter.“
Da plumpst sie auf den Stuhl. „Sag das nicht, Baby, bitte nicht“, schluchzt sie.
„Du bist besoffen, weißt du, morgen sieht es wieder besser aus.“ Mann, war das platt! Ich setze mich ihr gegenüber. „Ich meine, es gibt noch so viel ...“
Sie schmeißt die Pistole auf den Tisch. Ein irrer Krach. Die Kugel steckt in der Wand.
Wir schauen zu, wie Putz herunterrieselt. Dann sehen wir uns in die Augen.
„Finale, ja?“, frage ich.
Sie zielt auf mich, sagt, „Bang, bang“, bläst auf den Pistolenlauf.
Ich schmiere ihr ein Butterbrot, als vor dem Haus eine Polizeisirene ertönt. Wie der Blitz pfeffert Crazy die Waffe in den Wasserkasten auf dem Klo, ich klemme mit einer Reißzwecke eine Ansichtskarte übers Einschussloch.
Die Hausmeisterin schließt die Tür auf, hinter ihr die Bullen, wir spielen Schwarzer Peter am Küchentisch.
Den Rest der Nacht lachen wir, es ist egal, dass die Nachbarn an die Wand trommeln.



by ELsa
Foto: Manfred Schimmel by pixelio

Kommentare:

syntaxia hat gesagt…

Das ist sehr stark!
Es klingt erschreckend real, ELsa!Bei den ersten Zeilen habe ich die "Umgangssprache" nicht ganz verstanden.. ;-)

..grüßt dich Monika

schreibtalk hat gesagt…

Liebe Monika, vielen Dank!

Geschichten "aus dem Leben" sollten auch real klingen (wenn es ernste Themen sind) auch wenn sie reine Fiktion sind.

In Wien ist diese Art Ugs an der Tagesordnung in manchen Kreisen :-)

Liebe Grüße
Elsa

schreibtalk hat gesagt…

Nachtrag für Monika:

Wegen "real", hab vergessen, mich für dieses Lob speziell zu bedanken! :-)

Lieben Gruß
ELsa

ahora-giocanda hat gesagt…

Hallo Elsa, ohne die tausendfache Schulung durch Krimis in Film und Fernsehen - ich wette - hättet ihr zwei nicht so cool gehandelt als die Polizei kam ;-)

Gruß
Barbara

schreibtalk hat gesagt…

Liebe Barbara,

nun, es sind nicht ich und eine Freundin, es sind fiktive Figuren, eben wie aus einem Krimi :-)

Danke dir füs Lesen und deine Meinung.

Lieben Gruß
ELsa

Petros hat gesagt…

Für mich liest sich das (nicht nur, aber auch vor dem Hintergrund immer mehr Schießwütiger) beklemmend.
Gruß
Petros

schreibtalk hat gesagt…

Nun, lustig ist es nicht, Petros.

Lieben Gruß
ELsa

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