27. Januar 2009



IV.

kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot

/– gottfried benn /


das auge nass im lachen
gefüllt mit splitt die faust
verletzung sinnlos gesammelt

hält narben offen oder die
todesfuge reden lesen
laut zu sterben wieder
was bewegt macht es aus


Inmitten davon: Petros

Es ist
der selbe
nicht, nicht
der gleiche
Atemzug.

Sie sind
verwandt - doch
etwas,
etwas
liegt dazwischen.


I.

Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot

/– Gottfried Benn /


mit tränen in den augen
trotzdem lachen
fäuste schütteln und
verletzung wie streusplitt
sinnentleert sammeln

aber reden – oh –
die todesfuge lesen wieder
flüstern auch schreien
dir sagen statt zu sterben – was
bewegt macht es aus


by ELsa (IV.Version)
Gemälde: Frida Kahlo

21. Januar 2009

UNSER NEUES BUCH:




Edition Thaleia

10 × 10 = 100

M.S. Chazara (Hrsg.)
10 × 10 = 100
Lyrik-Projekt
Mit Illustrationen von Orit Chazara und Iryna Lierheimer

164 Seiten. Broschur
14,- Euro
ISBN 978-3-924944-90-2 (2009)

10 Dekaden hat ein Jahrhundert. 10 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und Israel schrieben zu jeder Dekade des 20. Jahrhunderts je einen lyrischen Text. Das sind 100 Texte zur immer noch lebendigen Vergangenheit ganz aus der persönlichen Perspektive der Autoren:

Boris Brink
Moshe Sala Chazara
Orit Chazara
Thom Delißen
Slov ant Gali
Monika Kafka
Bernhard Lierheimer
Michael Lüttke
Elsa Rieger
Heinz Kurt Rintelen

Abgerundet wird das Gesamtwerk durch jeweils 10 Illustrationen von Orit Chazara und Iryna Lierheimer.

10 × 10 = 100 – ein Zeitdokument der besonderen Art.

17. Januar 2009



unter meinem rosenstock

in satter erde meine toten
so viele sind es schon und noch
und noch kommen hinzu

schwer die äste mit dem rosa
im sommer nach den knospen

sie hatten früher augen

wenn die erste eisnacht fällt
sich vergilbt der spätherbst streut

blatt um blatt
im schweigen mit mir im weinen
und eine nebelkrähe hockt am stein

winterlich trägt der stock nichts mehr

graue stille unter ihm



by ELsa (Text & Bild)

13. Januar 2009



klosterbesuch in arles

ausatmen in alten mauern
hineingeschlendert wie von ungefähr
weil taubengurren hoch am sims verlockte

und stehn in abendgoldnem flirren
am kreuzgang kloster st. trophime
unter den füßen glanz der ausgetretnen quader

ein blick zum baum geteilt zwischen den säulen
und auch die stille durch ein kinderlachen
dem fröhliches getrappel folgt


by ELsa

2. Januar 2009



wenn gestorben ist.

von ritualen umhüllt.
zunächst. das fühlen.
ja, das fühlen. ausgeschaltet.
behörden. wege. termine
des abschieds. letzter gang.

dann stille. geliebt.
es quillt. hoch. füllt aus.
herzbersten. tränen scheinen
unerschöpflich.

neu.
sortieren.
weiter.
leben.

by ELsa

Petros antwortet so wahr:

Sieh doch und glaub. Doch
Es fällt so schwer. Der Schnee,
So nass. Gesalzen

Von innen nach außen. Wie
Pökelfleisch sind die Wangen.


Helmut schreibt so deutlich:

Immer ist Abschied
eine Option,
wie man so nachlässig sagt,
aber wünschen kann man
ihn selten
und unerwünscht
erwischt er uns
heftig und droht
niederzuschlagen
optionslos.


Paul meint so richtig:

Ich lächle Dir alle
Meine Trauer zu,
Und kann doch nicht
In Deine schlüpfen.

Jede Trauer ist
Immer jenseits der Rituale
Die eigene.


Monika spricht aus dem Herzen:

Was wissen wir, die Gefangenen,
Die Gebundenen in unserem Schmerz
Von der Reise der Reisenden.
Losgelöst und frei kommen sie
Am anderen Ufer an.
Bleibt unsere Hoffnung!


Hermann Josefs Gedanken zum Thema:

das geäst
unterschiedlichster bewegungen
verzweigter fügungen
brennender sehnsüchte
leiser verirrungen
und
schmerzender zärtlichkeiten
eingehüllt
in geformtes holz
der tag
ein schneeblatt
unbeschrieben in der lichtarmen stunde
tränengrau die erinnerung


Gemälde: Franz Marc

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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