ELsa Rieger

ELsa Rieger
Foto - Christian Rieger

23. Mai 2011


Fahrt ins Ungewisse

„Für mich soll’s rote Rosen regnen“, sang Udo Rainer und sprang aus seinem signalroten Golf GTI. Auf der anderen Seite des Park-and-ride-Platzes wartete bereits der Bus, von der aufgehenden Sonne in goldenes Licht getaucht.
Udo sog den süßen Duft der weißen und rosafarbenen Kastanienblüten ein. Er dachte an die ahnungslosen Rentner, sein täglich Brot: Kaffeefahrten. Die Freude verflog schlagartig.
Udos fünfundzwanzigster Geburtstag. Seine Freundin weckte ihn heute Morgen mit roten Rosen. Zwischen den Blüten steckte ein Kuvert. Zwei Tickets für die Malediven hatten ihn das Dilemma für kurze Zeit vergessen lassen, das ihm seit Wochen schlaflose Nächte bereitete.

Er nahm die hohen Stufen ins Innere des Busses und nickte Harald, dem Fahrer, zu. Udo klatschte laut in die Hände, es tat beinahe weh, und sülzte ins Mikrofon:
„Guten Morgen, verehrte Damen und Herren! Herzlich Willkommen im Namen der Firma Suntours GmbH & Co KG. Ganz besonders begrüße ich die Herren, die hier in der Minderzahl sind. Wir müssen schließlich zusammenhalten, ha, ha!“ Er leierte den Ablauf der Fahrt herunter und schürte die Vorfreude auf das Finale, den Höhepunkt, die Ziehung der Gewinner.
„In dem Schreiben steht aber, ich habe bereits gewonnen!“, rief eine Frau empört.
Udo zuckte leicht.
„Ja, das bezieht sich auf den italienischen Geschenkkorb, der ist Ihnen sicher“, antwortete er gedehnt. Der innere Konflikt quälte ihn. Da half nur die Routine – auf solche Fragen war er schließlich vorbereitet. Schnell sprach er weiter:
„Bis zur Verlosung des Hauptpreises werden wir viele interessante Produkte vorstellen, die Sie natürlich gleich erwerben können.“ Udo richtete den Blick auf die Fensterscheiben, um nicht in die runzligen Gesichter schauen zu müssen.
„Der erste Halt ist ein Restaurant. Dort erwartet uns ein superleckeres Frühstück und ich kassiere die Fahrtkosten.“ Die Verteilung der Prospekte verschwieg er. Es kratzte in seinem Hals, er musste husten.
„Also dann, viel Spaß und los geht’s!“
Unter verhaltenem Applaus ließ er sich auf den Sitz neben dem Fahrer fallen. Harald startete.
„Was verhökern wir heute?“, fragte er grinsend.
Udo verdrehte die Augen.
„Heizdecken und Backformen.“ Und das im Frühjahr! Zudem hatten alte Weiber die Küche sowieso gerammelt voll mit Töpfen und Formen jeglicher Art, oder sie wohnten im Seniorenheim. Mister Suntours hatte seinen diesbezüglichen Einwand ignoriert. Die Handelsgesellschaft organisierte diese Fahrten, um liegen gebliebenen Kram loszuwerden. Ein erbärmlicher Geschenkkorb und die Aussicht auf einen Gewinn, lockten die Rentner in Scharen herbei. Zwei Jahre machte er diesen Job bereits. Da er ständig unterwegs war, fehlte ihm die Zeit, sich ernsthaft nach etwas anderem umzusehen. Außerdem stimmte die Knete. Trotzdem wurde es von Mal zu Mal unerträglicher. Sein Gewissen plagte ihn zunehmend. Die Augen geschlossen, lehnte er sich zurück. Für mich soll’s rote Rosen regnen. Bis zum Frühstücksstopp würde er Ruhe haben. Das Gemurmel und Lachen der aufgekratzten Alten rückte in die Ferne, Udo döste ein.

Eine schlanke Frau mit üppigem, weißem Haar, das ihr bis zur Taille reichte, blickte auf ihn herab. Er sprang auf. Sie überragte ihn. Ihr altes Gesicht hatte scharfe, wie gemeißelte Konturen, flößte Udo Respekt ein.
„Aus dir wird nichts“, sagte sie mit der Stimme seiner Großmutter, „sieh dich an! Alte Menschen betrügen. Nennst du das Karriere?“ Sie lachte bitter, „du hast mich ins Altenheim abgeschoben, damit du dir von meinem Geld dieses läppische Auto kaufen konntest. Was bist du nur für ein jämmerlicher Taugenichts!“
Die Fahrgäste erhoben sich mit böse funkelnden Augen von den Sitzen, drängten sich dicht hinter sie, schüttelten die Köpfe, kreisten ihn ein, pressten Udo gegen die Windschutzscheibe. Ihm brach der Schweiß aus. Gleich würden sie ihn erdrücken. Es krachte, das Glas zersplitterte, er rutschte über die Kühlerhaube auf die Straße; der Bus zerquetschte ihn.
Als er heftig atmend die Augen öffnete, beugte sich eine freundlich lächelnde Frau über ihn.
„Sie haben wohl schlecht geträumt?“
Es dauerte einige Sekunden, bis Udo wusste, wo er sich befand.
„Was ist?“, fragte er keuchend.
„Die Toilette kann man nicht benutzen.“
Udo stand auf.
„Wieso nicht?“ Er stolperte den Gang entlang, öffnete das Kabäuschen und schlug angeekelt die Tür zu.
„Harald! Das ist ein Skandal, so eine Schweinerei“, schrie er durch den Bus. Neben ihm klagte ein Mann:
„Es stinkt zum Himmel!“
Udo eilte nach vorn, nahm das Mikrofon in die Hand.
„Verehrte Kunden, äh, Gäste, das Ganze ist mir unangenehm … es widert mich an, alles!“
Die Alten streckten die Hälse, um besser sehen zu können.
„Ich sage Ihnen was. In den Geschenkkörben sind abgelaufene Konserven, synthetischer Fusel und verzuckerte Marmelade. Zu gewinnen gibt es einen Dreck. Das Frühstück besteht aus lauwarmem Kaffee, einem harten Ei und verbranntem Toast mit einer Ecke Schmelzkäse. Ich werde Sie nicht zum Kauf von Heizdecken und Backformen nötigen, die kein Mensch braucht. Wissen Sie was, wir machen uns einen schönen Tag in der Natur.“
In der letzten Bank stand eine Frau auf, groß, schlank, mit weißem Haar. Sie applaudierte. Die anderen fielen ein.
„Aus Ihnen wird noch was!“, hörte Udo.
„Harald, nimm die nächste Ausfahrt“, rief er, „heute ist mein Geburtstag, den möchte ich mit euch feiern.“ Dann drückte er einer Dame in der ersten Reihe einen Kuss auf die Wange.
„Ich wünschte, meine Oma könnte das erleben!“
In dem kleinen Städtchen gab es an der Hauptstraße einen Italiener. Da es ein herrlicher Tag war, ließ Udo die Bestellung einpacken.
Die Kaffeefahrtgruppe lagerte ausgelassen bei Pizza und Chianti nahe einem Wäldchen auf Heizdecken und genoss das wunderbare Wetter im Freien.

Als Udo aufschaute, sah er seine Großmutter zwischen den Bäumen davongehen. Lächelnd summte sie:
„Für mich soll’s rote Rosen regnen ...“



(c)ELsa Rieger (texte und Foto)

Kommentare:

Deepseadiver hat gesagt…

Eine wundersame Begegnung, die etwas wundervolles bewirkt.

Irgendwann passiert jedem von uns so etwas - man muss es nur bemerken.

Schön finde ich, wie du den Knef-Klassiker immer wieder in die Handlung einfließen lässt. Das gibt der Geschichte einen tollen Faden, dem leicht zu folgen ist. Und gleichzeitig eine herrliche Moral. Läuterung und Rosenblüten - ein schönes Bild!

Danke fürs Teilen
M.

schreibtalk hat gesagt…

Lieber Micha,

danke für den schönen Komm.!

Diese Kaffeefahrten sind ja wirklich unterbindenswert, man kann nur hoffen, dass das mal aufhört. Die armen Leut, die drauf reinfallen.

Freut mich sehr, dass du auch das "Dahinter" so schön erkannt hast, wir alle müssen aufpassen, nicht widerlich zu werden.

Liebe Rosengrüße
ELsa

Deepseadiver hat gesagt…

Hmm...

Leider ist dieses Gewerbe legal - offensichtlich auch bei dir zu Lande.

Da nun aber ständig über diese üblen Machenschaften aufgeklärt wird, fragt sich vielleicht, ob die Opfer nicht auch zum Teil selbst schuld an der Misere sind.

Nun hat die Sache aber doch etwas gutes, wenn sich so schöne Geschichten daraus generieren lassen :)

schreibtalk hat gesagt…

Ja, ist auch bei uns üblich. Schön langsam müsste es sich aber unter den Senioren herumgesprochen haben!

Jedes Schlechte hat sein Gutes, insofern ... :-)

Gerda hat gesagt…

Ich habe erneut Grinsen müssen, liebe Elsa. Klasse Geschichte! ;-)

Nur der Titel ... hm wie soll ich sagen, der ist etwas vorbelastet ... fiel mir damals nicht auf, als ich sie zum ersten Mal las.

Liebe Grüße
Gerda

schreibtalk hat gesagt…

Lieber Gerda, freut mich, dass du die Geschichte immer noch magst.

Früher hieß sie ja schlicht: Kaffeefahrt, vielleicht sollte ich sie wieder so nennen?

Liebe Grüße
ELsa

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

Lesbares - Sichtbares

Follower

Blog-Archiv