ELsa Rieger

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ProLyKu-Schreibforum


30. April 2009



Ich kenne alle deine Züge

Meerblau umrahmt
von dichtem Wimpernkranz
Schwung im Lippenbogen

Arme umfangen mich
das Spiel der Muskeln drängt
deine Lenden näher

Begegnete ich dir am Tage
fände dich im Irgendwo
würdest du von mir wissen
nie - ließe ich dich zieh’n

Doch bist nur in den Nächten
sehnsuchtsvolles Traumgebild
vergehst im trüben Dämmern


by ELsa
Bild: Blue Flower von Georgia O'Keeffe

29. April 2009



Helene zieht aus

Seit zwei Monaten lebt Louis, der Rattenmann, in Helenes neuer Wohnung. Sie musste sie nehmen, weil ihre Eltern nicht mit ihm zurechtkommen. Ständig bestimmte er, welches Fernsehprogramm anzusehen war, was auf den Tisch kommen sollte und vor allem, wie mit der Tochter umgegangen werden musste. Nämlich höflich und respektvoll. Ein rotes Tuch für die Mutter, die nicht anders als rau formulieren kann.
Schließlich kam es zu einem letzten großen Krach zwischen ihr und Louis. Als sie den Rattenmann zu Tode treten wollte, biss er sie in den großen Zeh. Die Wunde entzündete sich, eiterte schließlich. Helenes Mutter hatte große Schmerzen und nahm eines Abends ein Schlafmittel, das sie in die Bewusstlosigkeit schoss. In dieser Nacht amputierte Louis ihr die kaputte Zehe. „Damit Madame keine Blutvergiftung bekommt“, erklärte er, während er den Nagel ausspuckte, der sich zwischen den Zähnen verfangen hatte.

Nun lebt Helene mit Louis in einer kleinen Mansardenwohnung im ersten Bezirk, eingerichtet mit den Möbeln aus ihrem Kinderzimmer der elterlichen Villa.
Der Vater kommt manchmal auf Besuch und schaut Helene mit traurigen Augen an. Sie weiß, was er denkt: Dass du mich gegen Louis ausgetauscht hast ... nie hätte ich das für möglich gehalten. Aussprechen würde er das nie, denn er hat ihre Entscheidungen fast immer respektiert, seit sie erwachsen ist.
Die Mutter betritt die Wohnung niemals.
„Wenn Louis geht, spreche ich wieder mit dir“, sagte sie beim Auszug Helenes. Immerhin hat sie sich an das Fehlen des Zehs gewöhnt, denkt Helene und bereitet das Frühstück für Louis. Ein Schälchen Milch und Vanillekipferl. Erst dann streichelt sie ihn wach. Seine Barthaare beben vor Lust.



by ELsa
Foto: Jutta Anger bei www.pixelio.de

23. April 2009



April

Zwischen den Fichten
blühen die wilden Kirschen
Waldtauben gurren


by ELsa

21. April 2009



Ach, Tausendschönchen
siehst mich tief errötet an
aus Wiesengrund früh
morgendlich beschattet

Bald steigt Sonnengestrahl
über die Lindenkrone dann
Tausendschönchen bietest
du dich weiß aufgefaltet dar

Zum Abendnebel schließt du
deine Blässe wieder
um mit dem ersten Dämmerton
erneut in Schale dich zu werfen

mein Tausendschönchen
einen ganzen Sommer lang


by ELsa


Ursa führt weiter:

ach, wäre ich das Tausendschönchen,
was könnt´ich jubeln und gar singen
erröten, entfalten im Tageslicht
mich lachend zu Neuem aufschwingen
ach, wäre ich das Tausendschönchen
nur einen Sommer lang


Foto: Elsa

20. April 2009

ELsa heute:

18. April 2009



All die Zeit

Es liegt ein Schmerz in meinen Jahren
unter dem Lachen oft nur ganz leis

Medusen tanzen auf und ab
in ihrem transparenten Schein
ein Schwingen und Versonnenheit

bis sich die Schwären wieder zeigen
vom Schnürboden herab sinken Piratenschiffe
gegen die kein Weinen hilft

geht es doch stets voran ich nehm’s
entgegen wie es ist wenn auch langsam
das Hintermir zum Weltmeer wird

Hören

by ELsa

Ans Licht gebracht: Kommentargedicht von Ursa

will ich Vergangenheit
umspülen lassen verdünnt
durch Jahre Menge Wasser
und durch mich?
Nein will nicht verwässern
was ich erlebte
ich liebe lebe lebe liebe
vergessen will ich gar nichts
denn ich l e b t e es

Petros kommentiert:

Gestern, vorgestern.
Morgen und übermorgen.
Heute. Das Ende.


Vielen Dank meinen Blogfreunden für die immer wieder
entstehenden Kommentar-Gedichte!

16. April 2009



Endlich

Die Stadt atmet ein
zieht laue Luft durch
Wiener Gassen

ihr Ausatem spuckt winterblasse
Menschen aus
umspielt Plätze
unterkühltes Mauerwerk
weht
Blumenkleidchen hoch
die Beine flanieren sonnengerichtet
zum Stephansdom


by ELsa

10. April 2009



Glockenschweigen

bettet vorösterlich seinen
Leib – geschunden
verhöhnt durch Jahrtausende

zum Götzen geadelt
in die Schuhe geschoben
Scheiterhaufen – Gralsuche – Kriegsgeschrei

missionarischer Indianertod
bete und arbeite
Sitzend zur Rechten

in Windeln gewickelt
ein Kind – Leichentuch auf
Golgatha

Auf Gräbern strecken
Osterglocken sich empor
goldblühend

by ELsa

Aphorismus von Petros:

Metamorphose

Geboren.
ALS MENSCH.
Gestorben.

Bleibt
die Zeit
Dazwischen


Kommentargedicht zum Thema von Helmut:

Golgatha,
du hast Täter und Opfer
gesehen,
Täter und Opfer,
zu Opfern und Tätern
geworden.
Die einen schänden
die andern;
und die andern
haben nichts gelernt
als zu schänden.


Bild: Joujou pixelio

09. April 2009

Adieu, liebe Freundin ....

Die österreichische Autorin Elfriede Gerstl ist heute nach langer schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben. Das teilte ihr Freund und Kollege Herbert J. Wimmer der APA mit.

Pointierte Schnappschüsse ihrer Zeit
"Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen": Dieses Gerstl-Zitat könnte als Motto über dem gesamtem Oeuvre der Wienerin stehen. Sprachgespür, subtiler Witz und das gezielte Auffangen von Zeitgeist, Trends und sprachlichen Codes kennzeichneten ihr Schreiben, das sich dem Wiener Idiom ebenso gern hingab wie dem Schriftdeutschen.

Elfriede Jelinek lobte die "unheimlich präzise Fragmenthaftigkeit" ihrer Gedichte, es gehe "nicht kürzer, nur länger, also schlechter". Gerade diese Knappheit, in die die Dichterin ihren Alltag verpackte, machte ihr Werk zu einer Sammlung pointierte Schnappschüsse ihrer Zeit: Ihr "Rohstoff" war oft Wien, ihre Heimat.

Gerstl wurde am 16. Juni 1932 in Wien geboren und überlebte als jüdisches Kind die Zeit des Nationalsozialismus in Wien in diversen Verstecken. Sie studierte Medizin und Psychologie und veröffentlichte seit 1955 vereinzelte Schriften.

Zugang zu allen literarischen Szenen. Gerstl verfasste Gedichte, Essays und kurze Prosastücke und war im Rahmen der Wiener Gruppe aktiv. Besonders dem Thema der Geschlechterrollen hatte sich die engagierte Feministin verschrieben. Literarisch hatte Gerstl nicht nur zur Wiener Gruppe, sondern zu allen relevanten literarischen Szenen in den 50er, 60er und 70er Jahren Zugang.

Ihre erste Buchpublikation war "Gesellschaftsspiele mit mir" (1962), in den Jahren darauf entstand in Berlin das bahnbrechende Werk "Spielräume". Zu ihren bekanntesten Veröffentlichungen zählt der Band "Kleiderflug. Schreiben, Sammeln, Lebensräume", der 2007 in erweiterter Form neu publiziert wurde.

siehe auch:
Hommage

06. April 2009



Helene im Frühling II

Doch der Mann mit dem großen Gebiss dreht sich nicht mehr um, läuft die Treppe zu den Kanälen hinunter.
Die Ratte rennt auf die Mauer zu, an der Helenes Bank steht, klettert behende bis zum Sockel der Amphore, setzt sich dort hin und streicht mit der Pfote das Fell hinter die Ohren. Sie ist ein Mann, Helene kann den voluminösen Sack sehen.
„Bon soir, Mademoiselle, je suis Louis“, sagt er in vorzüglichem Französich. Helene glaubt, eine Verbeugung zu sehen.
Langsam sagt sie: „Je ne parle pas français.“
„Ah, oui“, antwortet er. Seine Barthaare zittern. „Ganz Paris fragt sich, wieso Mademoiselle meint, nicht lieben zu können. Püh, der Clochard vom Pont Neuf, naturellement ist nicht zu lieben.“ Er kraust die rosa Nase, „aber ich bin sicher, es gibt un homme, Mademoiselle, auch für dich.“
„Wie kommen Sie ...“, ist sie verrückt geworden, eine Ratte namens Louis zu siezen, fragt Helene sich. „Wie kommst du überhaupt zu dieser ...“
„Du meinst: Intimität? Wir Ratten lesen Gedanken. Oder wie sonst könnten wir mehr und mehr werden, obwohl die Menschen uns ausradieren wollen? Die Pariser, von denen ich abstamme“, er reckt stolz die Schnauze und schlägt sich auf die Brust, „fanden dich très charmant, als du im Café an deinem Absinth nipptest.“
„Ist ja unglaublich!“ Helene ist empört, aber Louis lässt sich nicht unterbrechen.
„Amadou erzählte Chevalier von dir, der wieder anderen und so kam die Botschaft zu mir.“ Die Ratte hechtet auf die Bank neben Helene. „Voilà, da bin ich!“ Louis steppt vergnügt eine Runde, eher er sich setzt.




by ELsa
Foto: S. Hofschlaeger bei pixelio.de

02. April 2009



Helene im Frühling

Noch liegt die Tageswärme, das weiche Lau über der Stadt, aber vom Boden steigt abendliche Kühle auf. Vor allem hier, am Wienfluss, wo Helene seit einer guten Stunde auf einer verwitterten Bank ausruht an dem Spätnachmittag im Mai. Die Bank steht nah dem Abgang zu den Kanälen, durch die Orson Welles einst im Dritten Mann hetzte.
Helenes Füße sind kalt, vielleicht hätte sie nicht die Pariser Frühlingsslipper in Laubfroschgrün anziehen sollen statt der langweiligen Winterstiefel. Sie hebt die Beine hoch, streckt sich der Länge nach auf der Bank aus. Es wird schattig diesseits des Ufers, drüben sitzen noch viele auf der Terrasse der Meierei und halten das Gesicht in die Sonne. Sie legt die Hände über die Augen, blinzelt zur riesigen Jugendstilamphore neben der Mauernische, in der Helen liegt, hinüber. Knalliges Türkisblau, seit über hundert Jahren hält die Farbe schon. Helene selbst hält erst seit vierundreißig und friert. Sie öffnet die Augen und richtet sich auf. Erschrickt, denn vor der Bank steht einer, reglos starrt er herab. Das ist nicht das Schlimme daran – sie wird oft angesehen – aber die fette Ratte auf seiner Schulter! Auch sie glotzt rotäugig und sprungbereit auf Helene.
„Bitte, da ... da sitzt eine ... Ratte“, sagt sie, ohne die Lippen zu bewegen.
„Das sagst du nur, damit ich mich umdrehe, alter Trick“, sagte er, löst die Bewegungslosigkeit auf, klatscht in die Hände. Die Ratte schaukelt nun an seinem roten Strickschalende, das am Mantel herunterhängt. Helene streckt den Zeigefinger aus. „Aber da ist die Ratte, wirklich!“
„Wo denn?“ Er sieht an sich herunter, „Wo?“ Dann lacht er mit ungefähr fünfzig Zähnen. Sein Mund ist breit, um die Augen hat er Sonnenstrahlenfältchen. „Ich wollte nur sehen, ob die Frau, die da liegt, noch am Leben ist. Nachdem es so ist, geh ich dann wieder.“ Er tippt zum Gruß an seine Schläfe, die Ratte fällt auf den Gehweg, hebt die Vorderpfoten und schnuppert in Helenes Richtung.
„Nein!“, schreit sie, „bitte bleib bei mir.“


by ELsa

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