
Helene sucht eine große Zehe und findet die Wirklichkeit
Alles Wehren hilft nicht, Helene hat sich auf sie gestürzt und ihr die Schuhe ausgezogen.
„Du bist verrückt wie deine Mutter!“, schreit die Mutter und versucht Helene, die sich auf der Couch über ihre Beine gelegt hat, herunterzustoßen.
Das muss sie aber nicht mehr, denn Helene kracht von selbst auf den Boden. Dort sitzt sie nun und kann nicht glauben, was sie eben gehört hat. Dass die Zehen vollzählig sind, kommt wenig überraschend bei ihr an. Ihr Steißbein pocht, an der linken Schulter blutet eine Schramme von der Kante des Couchtisches.
Eingeklemmt zwischen ihm und den Schienbeinen der Frau, die sie bisher für ihre Mutter gehalten hat, sind Helene die Worte ausgegangen. Aber sie denkt. Zum Beispiel daran, dass Margarethe – nur mehr so will Helene sie ab heute nennen – die Blumen im Garten streichelte, doch nie das Kind in den Armen hielt. Sie erinnert sich, Berührungen gab es nur zur Körperpflege oder für einen Klaps auf den Hintern. Einmal setzte es aber richtige Prügel. Sie war zwölf, der Papa auf einer Geschäftsreise.
Wenn sie schlechte Noten bekam, unterschrieb er sie ohne weitere Abmahnungen, sagte dann: „Ich weiß, wie intelligent du bist, Zensuren sagen gar nichts.“
Anders Margarethe. Für sie war das inakzeptabel. Und Helene fälschte damals die Elternunterschrift. Als der Mathematiklehrer daheim anrief, sprach die Mutter Hausarrest aus. Helene rächte sich, indem sie das Frühbeet mit dem sorgfältig gezogenen Lavendel zertrampelte. Dafür wurde sie kräftig abgewatscht.
„Komm, Helene, steh auf“, sagt Margarethe mit ihrer rauen Stimme.
Helene hält sich dabei an den Knien an, spürt das Zittern der Beine. „Was war das?“, fragt sie und setzt sich in den Sessel gegenüber. „Wer bist du?“
Margarethe zittert nun überall, sie verschwimmt zu einer grauen, gallertigen Masse, die auf den Teppich schwappt und sich davonschlängelt, hinaus will. „So leicht kommst du mir nicht davon“, schreit Helene empört und erwischt sie am Schwanzende, zerrt sie zurück, packt sie aufs Sofa. „Und wo ist meine Mutter?“
by ELsa
Foto: Lavendelmuseum
31. Mai 2009
24. Mai 2009
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und ist es bloß ein silberstreif
am horizont in mir
wächst hoffnung zart
als knospe die neuen duft
verströmt bis tränen
wandeln sich in mut:
leben gilt’s auszuschöpfen
*
Auch Ursa kennt den Silberstreif:
grenze überwunden:
der silberstreif
wuchs hinein in den tag
los- ge- lassen
die worte
die nicht grünten
nicht duftetenn
nur lose tränen weinten
in stillen stunden
so verwandelte sich
der dunkle bruder
hoffnungslosigkeit
in die helle schwester
lichttag des lebens
schön ist der tag
fröhlich
gewaltig und
stark
ursa - die meerfrau
*
Pauls Silberstreif sieht so aus:
Silberstreifen,
Die uns reifen,
Wir begreifen,
Dass die Blüte Knospe war,
So wie auch im letzten Jahr,
Und das ist doch wunderbar.
*
by ELsa
Foto: Marion Heidmann-Grimm bei pixelio
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Sonntag, Mai 24, 2009
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22. Mai 2009

Helene außer den Träumen
Der Mann mit dem Namen Louis trägt einen Schnurrbart. Er ist Pariser und studiert in Wien Medizin und Psychologie. „Wir sind seit vier Monaten ein Paar, Helene. Ist dir das wirklich entgangen?“ Er hilft ihr aufs Sofa, sie zittert so sehr, dass ihre Zähne aufeinanderschlagen.
„Du bist doch eine Ratte“, sagt sie mit zusammengepresstem Kiefer, damit sie die Worte herausbringt. Sie wagt einen genaueren Blick auf Louis. Seine Haut schimmert seidigbraun wie Kaffee mit Schlagobers. Das schwarze Kraushaar schmiegt sich um den Kopf. Groß ist Louis, schlank. Er lacht. „Du siehst mich ja an, als wäre ich ein Fremder.“
Mit bebender Hand greift Helene zum Telefon.
„Dessousfabrik Margreiter, guten Tag“, meldet sich Papas Sekretärin.
„Hallo ...“
„Tut mir leid, Fräulein Helene, der Herr Vater ist außer Haus. Soll ich was ausrichten?“
„Sagen Sie ihm, ab morgen arbeite ich wieder in der Firma mit.“
„Da wird er sich aber freuen, der Herr Papa!“
„Pernod?“, fragt Louis und reicht Helene das Glas mit dem milchiggelben Getränk.
Sie wirft das Telefon auf den Tisch, trinkt schnell. „Ich muss jetzt etwas von dir wissen“, Pernodtröpfchen sprühen von ihren Lippen, „sind wir die ganzen Monate zusammen gewesen?“
Er macht runde Augen. „Aber ja! Seit ich dich am Wienfluss im Frühling angesprochen habe, was ist los?“
Das Glas bricht, so fest stellt Helene es auf den Tisch. „So geht das doch nicht ...“
Sie heult los. Louis will sie in die Arme nehmen, aber Helene schlägt ihn weg, ruft schluchzend ihre Mutter an. „Hast du noch deine Zehen? Alle, alle?“
„Du wirst immer verrückter, Kind.“ Mehr sagt sie nicht, sondern legt auf. Wie immer stößt sie Helene zurück.
„Louis hatte schon recht, ihr die Zehe abgenagt zu haben“, sagt sie zu Louis, der erschrocken Abstand genommen hat.
„Was habe ich?“
„Ich meine doch die Ratte.“ Helene springt vom Sofa auf, drückt sich im Vorzimmer den hellrosa Strohhut aufs Haar und schlüpft in ihre Espadrillos. „Adieu“, ruft sie und knallt die Tür zu.
by ELsa
Gemälde: Edgar Degas
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Freitag, Mai 22, 2009
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20. Mai 2009

Spurensuche
Zufällig geh' ich durch diese Gassen,
kehre ein im kleinen Café,
wollte die Suche nach Vergangenheit lassen –
doch nun bin ich da. Herz tut weh.
Die Narben von damals weinen auf.
Vergilbtes Ambiente, ich steh an der Bar,
sinniere über des Lebens Lauf
und wie es einst war vor dreißig Jahr'.
Gott, war ich jung, sexy, verrückt,
ständig verliebt, hoffnungsvoll.
Alle staunten, völlig entzückt,
ich tanzte durchs Dasein wie toll.
Du kamst über mich dann als Orkan,
lächelnd fordernd, doch gabst du kaum.
Ich taumelte wirr im Liebeswahn.
Du warst die Welt, für mich blieb kein Raum.
Seinerzeit vergaß ich auch mich,
du gingst und kamst ganz nach Lust.
Stumm war mein Schrei: Ich liebe nur dich!
Und begann zu ertränken den Frust.
Alles beendet in diesem Café,
lange vorbei, bedeutungslos.
Ich sag der Spurensuche Adé,
zahle und lasse es endlich los.
by ELsa
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Mittwoch, Mai 20, 2009
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19. Mai 2009

kennst du den dunklen freund
er hält mich fest so fest
kann nicht die arme breiten
geliebter dich zu herzen
vergeblich ist dein rütteln
trifft auf haut und knochen
der finstere sitzt tiefer
verdirbt lächeln zur fratze
ein sanftes wort gewandelt
zu kreischen welches dich
zerfleischt gehst du und ich
ergebe mich dem trauerfürsten
HÖREN
by ELsa
Gemälde: Katherine Blackwell bei www.beinart.org
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Dienstag, Mai 19, 2009
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15. Mai 2009

resümee
schaue zurück auf hundert jahre:
großmutter
mutter
ich
drei frauen und drei augenpaare
überdenken diese welt
vom langen spitzenunterrock
zum heißen höschen – dazwischen
zweimal krieg und hungersnot
auf den gräbern wachsen rote röschen
denn die väter sind seit langem tot
oder gingen ihre eignen wege
wir mütter arrangierten uns derweil
küssten söhne – lehrten unsre töchter
einsam mit geduld und ohne eil’
drei frauen haben sich behauptet
in den herzen mischt sich leid und glück
mit einem lächeln schaue ich zurück
by ELsa
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Freitag, Mai 15, 2009
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13. Mai 2009

Vom Sterben
Mit Schläuchen und grünen Zacken auf Monitoren unterm Neonlicht verbunden. Zu schwach schon (oder zu feige oder zu blöde), sie herauszureissen mitsamt den Infusionsnadeln und den lebenserhaltenden Flüssigkeiten (da scheißt der Hund drauf!). Schlafloses Dämmern, Tränen in den Augen der Besucher, die insgeheim hoffen, es möge endlich abgetreten werden (sie wollen gern ihr Leben wieder aufnehmen, verständlich, denn Hilfe gibt es nicht mehr oder Besserung).
Nein!
Auf einem Moosteppich im Nadelwald. Sich ausstrecken, den Himmel und die Wipfel sehen, die ihn berühren. Vogelkonzert in der Kathedrale. Der Wind Dirigent des rauschendes Orchesters. Dort, ja dort sollen mir die Augen brechen, das Herz stille stehen.
by ELsa
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Mittwoch, Mai 13, 2009
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10. Mai 2009

Meiner Mutter
Wie lieb ich dich hab
ist kaum zu sagen
durch alle Schrecken
möcht ich dich tragen
und dann trägst du mich ...
Mit dir kann ich lachen
bis Tränen uns kommen
im Rauschen des Waldes
stehen besonnen
entzückt betrachten Tausendschönchen ...
So lieb hab ich dich
ganz voll ist mein Herz
Jahrzehnte verbunden
in Freude und Schmerz
über alle Entfernungen hin ...
by ELsa
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Sonntag, Mai 10, 2009
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08. Mai 2009

Helene fällt in Ohnmacht
Seit ein paar Wochen hat Helene das Gefühl, als würde Louis größer werden.
„Mon chèr Louis“, bittet sie ihn, nachdem er ein Vollbad genommen hat – er liebt das Baden im Calvin Klein Schaum und singt dabei französische Rocklieder von Johnny Hallyday –, „stell dich doch auf den Hinterbeinen neben mich vor den Spiegel.“
„Dein Wunsch ist mir Befehl“, schäkert er und tut es.
Sie hat sich nicht getäuscht, denn Louis legt den Arm um ihre Taille, seine Ohren reichen bis zu Helenes Brust. „Du wächst!“, ruft sie erstaunt.
„Très chic“, sagt er und führt einen Freudentanz rundum sie auf. Immer schneller wirbelt der Rattenmann, Helene sieht nur einen grauen Schatten, der sie umkreist. Minutenlang wird das Schlafzimmer ein Rasen, Helene sieht nur noch sich im Spiegel, ehe sie umkippt und ihr schwarz vor Augen wird.
„Ma Belle, wach doch bitte auf“, hört sie aus der Ferne durch die dunkelgraue Watte dringen, die sie umhüllt. „Alles ist gut, Helene, du hattest bloß eine Schwächeanfall“, dringt die Stimme nun näher zu ihr.
Ihr ist kotzübel, wenn sie die Augen öffnen würde, müsste sie bestimmt erbrechen, also lässt sie sie zu, flüstert: „Louis?“
„Ja, ich bin bei dir.“ Er fährt liebevoll durch ihr Haar.
Fast bleibt ihr das Herz stehen, denn es ist keine haarige Pfote, sondern eine große Menschenhand, die ihr die Strähnen aus dem Gesicht streichen!
„Liebste, warum weinst du denn? Es ist gar nichts passiert“, ertönt seine Stimme.
Helene zwinkert die Tränen weg und wagt es, durch einen Schlitz zu spähen.
Ein Männergesicht über sie gebeugt. Sie schlägt die Hände vors Gesicht und krümmt sich zusammen. Was ist jetzt los?
„Louis, bist du es?“
„Ja, naturellement“, sagt er.
by ELsa
Gemälde: Café zur unerfüllten Erwartung von Kurt Regschek
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Freitag, Mai 08, 2009
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06. Mai 2009

wettstreit
bin gehäutet von
jahren - mit dir
schärfst dein messer
zum unendlichsten
mal - wartest bis
ich deinen sieg
verkünde - noch
halte ich aus
Dazu ein wunderbar passendes Antwortgedicht von Ursa:
chancenlos
häute mich
täglich
nächtlich
innen
außen
in
zerborstenen
Gedanken
doch
siegen?
siegen wirst
du nie
jeder Lidschlag
häutet dich
mit
kämpferischer
Frauen-list
warte
nicht
Fotos: Lilya Corneli
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05. Mai 2009
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Dienstag, Mai 05, 2009
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