ELsa Rieger

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ProLyKu-Schreibforum


31. Juli 2009



Helene will nun alles erfahren

„Was möchtest du essen?“ Helenes Vater zeigt auf die verschiedenen Tapas hinter Glas.
Die schwarzgelockte Schöne im weißen Arbeitsmantel, der fleckig von Olivenöl und Chiliröte ist, hält abwartend Teller und Greifwerkzeug bereit. Helene klopft mit dem Zeigefinger gegen die Scheibe, die Sardinen zwischen dicken Oliven glubschen sie an. Die Bedienung packt ein paar und legt sie auf den Teller. Dazu sucht Helene gebratene Pflaumen im Speckmantel, Knoblauchgarnelen und frittierte Kartoffelwürfel aus.
Der Vater lässt seinen Teller mit Chorizo, Schweinsohr und Serrano-Schinken füllen. Mit ihren Tellern und einem Korb Weißbrot setzen sie sich an ein weißgedecktes Tischchen. Das spanische Mädchen bringt einen Halbliterkrug Rioja und Wasser.
„Wo ist meine Mutter, was meinst du?“ Helene beißt der Sardine, die sie anstarrt, den Kopf ab.
„Desiderias Elternhaus ist in Andalusien. Torremolinos. Liebling, es tut mir alles so wahnsinnig leid …“
„Mir auch. Ich will sie sehen.“
Ihr Vater stöhnt auf, trinkt einen großen Schluck Rotwein. „Ich halte das für keine gute Idee.“
Helene lacht absichtlich schrill auf, spuckt die Augen des Fisches aus. Sie kullern über das Tischtuch. „Das ist doch mir egal!“, schreit sie.
Die Schwarzgelockte spitzt den rotlackierten Mund.
Die Sardinenäuglein blicken kopflos in verschiedene Richtungen, der Vater ist blass geworden. „Du hast gewonnen. Ich reise mit dir nach Spanien.“
„Danke, Papa.“ Helene zupft die Augen vom Tuch, legt sie sanft auf den Teller und zwinkert ihnen dankbar zu. „Wegen Margarethe …“
„Sie wird es verstehen. Weiß doch, dass sie niemals Konkurrenz in meiner Liebe zu deiner Mutter sein konnte. Sie ist eine tapfere Frau.“

Als Helene zu Hause Margarethe im Garten beim Jäten zwischen den Tomatenstauden findet, sagt sie zum gebeugten Rücken: „Ohne dich wäre meine Wunde furchtbar groß geworden.“
Langsam richtet die Stiefmutter sich auf. Die Abendsonne verschwindet hinter einem Wolkenturm. Helene legt die Hand zwischen Margarethes Schulterblätter. „Jetzt, wo ich alles weiß, hab ich dich richtig lieb.“
Dann läuft sie ins Haus, die Treppe hinauf in ihr Zimmer und wählt Erkans Nummer.


by ELsa

29. Juli 2009



Im zweiten Stock

Die Familie Spanninger hat im zweiten Stock gewohnt. Vater, Mutter und drei Kinder. Mit denen haben wir gespielt. Im Stiegenhaus. Unsere Familie lebte im dritten Stock eines klassischen Bürgerhauses mitten in Wien. Eigentlich hatte es fünf Stockwerke, offiziell aber nur drei, denn zu Zeiten der Monarchie durften die Häuser nicht mehr Etagen haben. Das wussten die Bauherren zu umgehen, indem sie Mezzanin, Hochparterre und Dachgeschoß titulierten, was in Wahrheit eigene Stöcke waren inklusive Wohnungen. Vier Wohnungen auf jeder Ebene gab es.
Im Stiegenhaus spielten mein Bruder und ich mit den Kindern der Spanningers. Der Vater war bei der SS gewesen; einmal habe ich ein Foto von ihm in schwarzer Uniform auf der Kredenz bei ihnen gesehen. Jetzt führte er die Tabaktrafik unten im Haus. Die Wohnung gehörte vorm Krieg einem jüdischen Ehepaar, das im Vierundvierzigerjahr auf einen Lastwagen verladen wurde. Außer einem Koffer mit dem Nötigsten durften sie nichts mitnehmen. Die zurückgebliebenen Werte gehörten nun den Spanningers. So war das bei uns im Haus. Gestern, kommt mir vor, dabei ist das alles ewig her.
Damals war ich noch gar nicht auf der Welt. Meine Mutter und ihre Schwester spielten zu dieser Zeit im Stiegenhaus. Sie rutschten auf dem Hintern die glatten Steinstufen hinab. Meine Großmutter stellte bei Fliegeralarm den Topf mit den Erbsen unter die Bettdecke, um sie fertig zu garen, wenn das Gas ausging und alle in den Keller liefen, um die Bomben zu überleben.

Weil meine Mutter die Deportierung des Ehepaares vom zweiten Stock mitansah, legte sie ihre Mitgliedschaft beim Bund Deutscher Mädchen zurück. Meine Großmutter traf fast der Schlag vor Angst. Aber es passierte nichts weiter, wahrscheinlich nahm man Kinder damals genauso wenig ernst wie heute.

Die Spanningers aus dem zweiten sind mittlerweile tot. Das jüdische Ehepaar aber noch viel länger …


by ELsa

26. Juli 2009



Es ist nicht so

dass ich dich sehr vermisse
warst du doch stete Wunde mir

die Angst um dich
wenn du betrunken
durch die Straßen schriest

fehlt mir nicht
auch nicht
das nächtelange Warten

das Abgeschnittensein
von deinem Leben jetzt

du große Liebe

ob du nun glücklich bist
und nüchtern tust
was du dir erträumt:

Das ist es



by ELsa
Foto: Tom Chambers

19. Juli 2009



Auf Gräsern

Taublüten wachsen
im Morgenlicht

Poeten formen
daraus ein Gedicht

Erste Hummeln
taumeln steif herbei

Der Bauer fährt
mit dem Traktor vorbei

;-)

by ELsa
Bild: Nach einer Regennacht

16. Juli 2009



sieben wilde tage
hab ich dir geschenkt


oh show us the way
to the next whiskeybar
oh don’t ask why
oh don’t ask why


wir soffen und prügelten uns
tanzten durch unbekannte
strassen und vögelten wie köter
in hauseinfahrten zwischen müll

niemals fragte ich nach
ob du mich liebst
das wäre lächerlich gewesen

meine freunde sagten:
ein freak ist das und trotzdem
war da eine mächtigkeit in deinem lachen
ungeheuer die schatten im augenblau

als ich dann ging tobtest du
weiter durch dein leben meine
abwesenheit fiel dir gar nicht auf

Hörversion

by ELsa
Foto: Katja Irmschler by Pixelio
Vertonung: Auszug aus Mahagonny Brecht/Weill/Lenya

14. Juli 2009



Vom Gehen in Städten

Durch die Prachtstraßen zwischen Horden, angeführt vom hochgereckten Schirm, auf dem ein Fähnchen flattert. Blasse spitze Knie oder fette Schenkel (Touristen tragen obsessiv Khakishorts und Frotteesocken zu Sandalen) trotten im Pulk hinterher.

Löse mich auf in Seitengassen. Dort schwebt kühl Verlorenheit, aus bröckelnden Gemäuern gesickert. Dahinter schlafen Wendeltreppen. Einheimische laufen mit Einkaufstaschen vorbei. Ich bin unsichtbar in ihren Augen.

Ein kleiner Platz, zwei zu Tode renovierte Bürgerhäuser halten sich (vielleicht, um nicht ganz ihre Geschichte zu verlieren) an einer schmutzigen Sandsteinkirche fest, die Gotik atmet. Gegenüber ein Kaffeehaus, davor Stühle, Tische zwischen irdenen Töpfen, in denen Sommerflieder kümmert. Der Garten bevölkert von Nichttouristen, erkennbar an der Sprachmelodie, die über dem Ensemble schwingt, auch an der Kleidung. So nehme ich mir ein Herz und setze mich dazu. Bestelle Kaffee, bedacht, den Akzent zu vermeiden. Der Kellner antwortet gebrochen in meiner Sprache, lässt den Blick dabei ins Leere schweifen. Ich bleibe unsichtbar.


by ELsa
Foto: Franziskanerplatz in Wien

11. Juli 2009



Rosenbett

Aus Rosenblättern streue ich
ein Bett unter den Linden
für meinen Engel, nämlich dich,
um Lieb darin zu finden.

Ein Bett unter den Linden,
mit Bändern bunt verziert,
um Lieb darin zu finden,
weil mich so nach dir giert.

Mit Bändern bunt verziert,
dich damit festzubinden.
Weil mich so nach dir giert,
ich kann dich nicht verwinden.

Möcht dich mit mir verbinden,
im stillen Wiesenrain,
ich kann dich nicht verwinden,
der Sommerwind fährt drein.

Im stillen Wiesenrain
bewegt von diesem Sehnen.
Fährt Sommerwind hinein,
kann ich mich zweifach wähnen.

Bewegt von diesem Sehnen
für meinen Engel, nämlich dich,
kann ich mich zweifach wähnen,
streu Rosenblätter nur für mich.

(Gedichtform: Pantum)


By ELsa

06. Juli 2009



Liebe Blogfreunde,

Ich werde bis Anfang August nur wenig präsent sein,
da ich im Wald bin, wie das Bild oben zeigt.

Liebe Grüße in die Runde,
ELsa

01. Juli 2009



Hören: wienerisch

Hören: hochdeutsch

STADTINDIANER-BLUES
(wienerisch)

De Wölf',de heuln in meina Goss'n,
i moch's genau'ra so,
geh' no fuat und suach mein Fang,
doch wann i d'Leit siach, wiad ma bang.

Refrain:
Odla fliag'n iba d'Heisa,
Mescalin im Kopf,
Castaneda in da Tosch'n,
Fedan hob i in mei'm Zopf.

In da Weite Mustangs rennan,
i renn am Asphoit
Wigwams stengan schee beinand,
und mei Hittn is so koit

Odla fliag'n iba d'Heisa,
Mescalin im Kopf,
Castaneda in da Tosch'n,
Fedan hob in mei'm Zopf.

G'fangan in de grauen Mauan,
an Mond, den kannst net seng,
A Oide nimmt mi zu sich ham,
Dar Wind waht nua in meine Traam

iba den Canyon ...

De Sunn knoit eine in mei Hian,
da Schedl is am Platz'n,
de Frau bei mia is kaane Squaw,
mia mochn's schnölla wia de Ratz'n.

Odla fliag'n iba d'Heisa,
Mescalin im Kopf,
Castaneda in da Tosch'n,
Fedan hob i in mei'm Zopf.

Dann hatsch i ham in mei Zimmer
schitt mi zua mit haaßen Tee,
und woat drauf, daß die Wölfe heuln,
denn dann tuat ollas hoib so weh.

Odla fliag'n iba d'Heisa,
Mescalin ...
Castaneda ...
Fedan hob i in mei'm Zopf.


STADTINDIANER-BLUES
(hochdeutsch)

Wölfe streunen in den Straßen,
ich mache es wie sie.
Geh und suche meine Beute,
doch gute Fänge mach ich nie.

Refrain:
Adler über Häuserschluchten,
Mescalin im Kopf,
Castaneda in der Tasche,
Federn sind in meinem Zopf.

Mustangs stürmen durch die Weite,
ich renne auf Asphalt.
Wigwams steh'n im Schutz zusammen,
meine Bude ist so kalt.

Adler über Häuserschluchten,
Mescalin im Kopf,
Castaneda in der Tasche,
Federn sind in meinem Zopf.

Gefangen zwischen grauen Mauern,
der Mond ist nicht zu seh'n,
vergrab ich mich in einer Fremden,
im Traum hör ich die Winde weh'n

über den Canyon ...

Die Sonne knallt mir ins Gehirn,
mein Kopf zerspringt in Grelle.
Die Frau im Bett ist keine Squaw,
wir machen's auf die Schnelle.

Adler über Häuserschluchten,
Mescalin im Kopf,
Castaneda in der Tasche,
Federn sind in meinem Zopf.

Ich schlepp mich heim in meine Bude,
betrinke mich mit Tee
und warte, dass die Wölfe streunen,
dann tut es halb so weh.

Adler über Häuserschluchten,
Mescalin ...
Castaneda ...
Federn sind in meinem Zopf.


by ELsa

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