29. März 2009



und die ohnmacht bleibt

männer ohne gesicht
zerstören meinen schlaf
zerstören mit gebleckten
zähnen im zylinder hochschwarz

getürmt

bin ich ins wachen zittere mir
zigarettenstummel aus aschenbechern
kämpfe durch rauchringe dagegen
an und sie lachen mich aus:
ohnmachtmachtmacht


by ELsa

Ans Licht gebracht:

Kommentargedicht von Petros:

Scheinwerfer blenden
Dem Erinnern ins Gesicht.
Die Fratzen gegenüber. (Ihr
Uniformiertes Grinsen
Erahnen.) Warmer,
Stinkender Atem.

Liebesdienst.
Wegezoll ... Un-
Bezahlbar. Die Schranken
Stürzen wie Fallbeile.
Haarscharf.

Kommentargedicht von Syntaxia:

Und etwas bleibt immer
Sogar der Geruch kehrt zurück
Aus jeder Pore schwitzt sich ein Schrei
An bewegungslosen Beinen kriecht die Gänsehaut empor
Es gibt kein Erwachen
Denn etwas bleibt immer



Bild: Lilya Corneli

28. März 2009



als ich in ihrem licht

deinen mund küsste
und zugleich wusste
endlos ja endlos
ist die liebe nicht

so wurde es dunkel
im geschmack deiner zunge
um mich und das lachen
getrübt von bitternis


by ELsa
Fotokunst: Tom Chambers

25. März 2009



Bang Bang

Das ist ja vielleicht eine abgefuckte Kneipe, in die Crazy mich geschleppt hat. Die fahren dort voll auf die Oldies aus den Siebzigern ab. Der Tresen kurz vor dem Zusammenbrechen. Wir halten die Biergläser fest, würden sonst glatt runterrutschen.
„Ist der coolste Lesbentreff in town“, brüllt Nina. Crazy nennt sie sich erst seit dem Unglück.
„Ist doch voll toll, ne?“ Ihre grünen Augen strahlen. Mit der typischen Bewegung, den Kopf fast bis zum Boden gesenkt, wirft sie ihre hennaroten Dreads auf den Rücken.
Prost, schreit sie in die Runde. Die Frauen rundum senken die Blicke.
Jimi Hendrix und seine Experience dröhnt aus den Boxen an der Decke.
„Was machen wir hier eigentlich?“, frage ich.
„Hä?“
Ich lege den Mund an ihr Ohr.
„Finale!“ Crazy wischt den Schaum vom Mund.
Das Bier ist lauwarm. An der Ziegelwand hinter dem Tresen klebt in silbernen Lettern: Die Rock-Weiber. Hendrix’ Foxy Lady lief.
„Los, schwing deinen Luxuskörper.“ Crazy zerrt mich zur Tanzfläche. Nach einer Stunde extremen Headbangings gehen wir erhitzt vor die Tür. Sie grinst mich an. „Traurig, dass du lieber mit Männern rummachst, Baby.“
Seit dreißig Jahren nennt sie mich so.

Wir waren Nachbarskinder, ich drei Jahre jünger, und sie beschützte mich. Haute ihre Schaufel jedem auf den Kopf, der mir die Sandformen oder den Eimer wegnehmen wollte. Später in der Schule und während der Pubertät war sie meine Löwenmutter. Wir verloren uns erst am Tag des Unglücks aus den Augen. Es dauerte zwei Jahre, bis sie wieder Kontakt mit der Welt und mit mir aufnahm. Und dann behauptete sie, in Wahrheit sei sie Lesbe. Ich schnallte aber gleich, dass sie damit nur den Männern den Krieg erklärte. Schließlich kann man nicht einfach so lesbisch werden. „Doch, Baby, man kann so vieles“, hatte sie mich angeschnauzt.

„Muss was trinken“, sagt Crazy und schiebt mich zurück ins Die Rock-Weiber.
Sie säuft. Man sieht es ihr mittlerweile auch an. Der Alkohol schwemmt sie auf.

„Wie wär’s mit Therapie?“, fragte ich ab und zu.
Wenn sie schlecht drauf war, schrie sie, „Lass mich mit dem Psychoscheiß in Ruh!“ Als ich sie eines Abends wieder darauf ansprach, schluchzte Crazy leise, „Herzbruch, verstehst du? Irreparabel, verdammt. Dann knallte sie meine Wohnungstür zu. Ich hörte sie nebenan heulen; wir waren wieder Nachbarn.
Ich sagte nichts mehr.

Crazy kippt das dritte Bier, bestellt Southern Comfort. „Damit hat sich Janis Joplin tot gesoffen, na denn!“, sagt sie und zündet das Getränk mit dem Zippo an. Weiche blaue Flamme. Als sie erlischt, trinkt Crazy gierig. Leckt die Lippen ab. „Bourbon und Pfirsichlikör – es gibt nichts Besseres.“
Plötzlich fliegt sie in meine Arme, irgendeine hat sie gestoßen. Mit einem Schrei schnellt Crazy herum, packt sie an der Kehle. „Bist du bekloppt! Leg dich ja nicht mit mir an.“ Sie schlägt die Stirn gegen die der Frau. Wieder und wieder.
Ich zerre sie an der Taille, die Leute schreien, „Lass gut sein, Crazy!“
Aber sie macht weiter, bis die andere wegsackt. Sie wirft einen triumphierenden Blick in die Runde, ihre Stirn blutet. „Nicht mit mir!“ Dann bestellt sie noch einen Southern Comfort.
Ein paar Gäste helfen der Frau auf die Beine. Sie zieht heulend ab.
„Mensch, Crazy, das war echt nicht nötig“, sage ich und wische das Blut mit Klopapier von ihrer kleinen Platzwunde.
Sie blickt mich von oben herab an, „Hast du eine Ahnung, was alles nötig ist, Baby.“
Sie trinkt, zahlt. „Let’s go!“
Auf der Straße breitet Crazy die Arme aus. „Was für ein herrlicher Abend! So was sollte ich mir öfter mal gönnen.“
„Jemanden zusammenschlagen?“
Sie nickt, läuft ein Stück voraus, legt den Kopf in den Nacken und jault den Mond an. Als ich sie eingeholt habe, grinst sie. „Mach du auch mal, Baby!“
„Lass uns heimgehen, ich kann das nicht.“
„Fick dich!“
Aber sie geht mit.

Crazy hatte keine Beziehung. In kürzester Zeit trat sie alles kaputt. Eigentlich wollte sie mich. Nach einem Versuch miteinander habe ich das Handtuch geworfen, ich brachte es einfach nicht. Ab da küssten wir uns freundschaftlich und jede ging in die eigene Wohnung. Unsere Betten standen an einer Wand; diejenige, die das Licht zuerst abdrehte, klopfte einen Rhythmus dagegen. Die andere antwortete.

Heute bin ich erledigt und klopfe zuerst. Warte. Hämmere. Keine Antwort. Ich rufe sie an, höre drüben ihr Telefon klingeln, sie nimmt nicht ab. Ich krame Crazys Reserveschlüssel aus dem Schreibtisch. Hauslatschen an und rüber. Sie sitzt am Küchentisch. Die Wimperntusche rinnt in zwei Streifen über ihre Wangen, sie hat den Lauf einer Pistole in den Mund gesteckt.
Mich trifft fast der Schlag. „Crazy“, sage ich, „ich liebe dich.“
„Das Kind ist in den Teich gefallen“, nuschelt sie, Tränen tropfen ihr in den Ausschnitt.
„Es ist sieben Jahre her, Nina, du konntest nichts dafür. Ein Unfall ...“
Sie reißt den Lauf aus dem Mund, fuchtelt herum. „Nur weil das Arschloch mir unbedingt in seiner Mittagspause an die Wäsche wollte! Scheißkerle!“ Crazy zittert so, dass ihr Schenkel gegen das Tischbein schlägt. „Baby, Johnny war nicht mal vier! Ich hab ihn allein gelassen im Garten, verstehst du? Und dann ist er auf dem Bauch gelegen, zwischen den Seerosenblättern. Hat ausgesehen, als schläft er ... so ein kleiner Sarg ...“ Ihre Augen funkeln vor Schmerz, ich habe eine Heidenangst, dass sie den Abzug drückt. Vorsichtig sage ich, „Er war dein Mann, du hast ihn ... geliebt.“ Das letzte Wort kann ich nur noch flüstern, denn sie ist aufgesprungen und hält mir den Griff der Waffe hin. „Baby, shoot me down!“
Ich pralle zurück, „Hey ... Nina, ohne dich ... mein Leben ist ... scheiße ohne dich.“
„Blödsinn! Ich bin Scheiße!“ Sie bebt vor Wut und was weiß ich noch alles.
„Du bist Crazy, meine Löwenmutter.“
Da plumpst sie auf den Stuhl. „Sag das nicht, Baby, bitte nicht“, schluchzt sie.
„Du bist besoffen, weißt du, morgen sieht es wieder besser aus.“ Mann, war das platt! Ich setze mich ihr gegenüber. „Ich meine, es gibt noch so viel ...“
Sie schmeißt die Pistole auf den Tisch. Ein irrer Krach. Die Kugel steckt in der Wand.
Wir schauen zu, wie Putz herunterrieselt. Dann sehen wir uns in die Augen.
„Finale, ja?“, frage ich.
Sie zielt auf mich, sagt, „Bang, bang“, bläst auf den Pistolenlauf.
Ich schmiere ihr ein Butterbrot, als vor dem Haus eine Polizeisirene ertönt. Wie der Blitz pfeffert Crazy die Waffe in den Wasserkasten auf dem Klo, ich klemme mit einer Reißzwecke eine Ansichtskarte übers Einschussloch.
Die Hausmeisterin schließt die Tür auf, hinter ihr die Bullen, wir spielen Schwarzer Peter am Küchentisch.
Den Rest der Nacht lachen wir, es ist egal, dass die Nachbarn an die Wand trommeln.



by ELsa
Foto: Manfred Schimmel by pixelio

22. März 2009



Bitte Warten
Bitte Warten
Bitte Warten

Wenn ich endlich groß bin,
mach ich nur noch, was ich will!
Nix da – Kind da.

Bald ist’s aus dem Gröbsten raus,
dann mache ich Karriere!
So ein Pech – Job wech.

Aber nach der Scheidung gleich
leb ich mein eig’nes Leben!
Ganz versiebt – neu verliebt.

Alt, dann endlich frei!
Gehe neue Wege!
Hab’s verbockt – mein Herz stockt

Zu spät
Zu spät
Zu spät


by ELsa
Foto: Ojo Santo

18. März 2009



warum gibt es stets dies danach

obwohls das gute ist den
hunger stillen der umwerfend und
lustvoll träge macht: im vorher
lippen wundgeküsst die haut
was für ein glühen zwischenzwei

wollt das in einer glasschatulle wahren
doch wie es aussieht löst sich alles auf
in dem danach


by ELsa
Fotokunst: Samantha bei Pixelio

15. März 2009



Experten

Wohin sollen wir fliehen
Ruhig! Alles im Griff
wenn das Wasser steigt
wenn das Deck sich neigt
Es kann nichts passieren
und wir den Halt verlieren
Kein Grund zur Sorge! Beschwingt
Wo nur sind die Boote
und lustig
Wo sind die Retter, wenn die Wogen
und wenn die Kälte uns verschlingen
und immer Musik. Walzermelodien
Wieviel Zeit bleibt uns noch
Was wird aus uns
Alles unter Kontrolle
Wie wird es sein, wenn das Schiff versinkt
Unsinkbar ist es doch! Hell die Gläser klingen
und wenn wir hinabgleiten in die Flut
ein frohes Lied wir singen
Wo wird uns Hilfe
Seid unbesorgt! Muntere Weisen! Tanzmusik
und ach, wo ist nur das Ufer
Ganz ruhig! WIR sind die Experten!
Ist das Schiff wirklich unsinkbar
Wir verstehen eure Sorgen,
aber dieses Schiff
ist wirklich unsinkbar!


Als die Götter zurückkehrten,
fanden sie nur noch aufgequollene
und zerfressene Wasserleichen vor.

Die Bordkapelle hatte zuletzt
auf ‚Näher mein Gott zu dir’ umgestellt.

Es waren viele Zuhörer gewesen.
Aber keine Rettungsboote


by Hajo Nitschke
Gemälde: Schiffbruch von William Turner

11. März 2009



Seelenfest (Pantum)

Wenn herzerwärmend Frühling wird
richtet die Seele ein Fest
atmet auf und jubelt im Licht
denn Finsternis ist überwunden

Richtet die Seele ein Fest
hüpft das innere Kind herbei
atmet auf und jubelt im Licht
befreit klingt frohes Lachen

Hüpft das innere Kind herbei
umarmt das erwachsene Ich
befreit klingt frohes Lachen
vorbei trauriges Klagen

Umarmt das erwachsene Ich
fällt aller Hader von ihm ab
vorbei trauriges Klagen
das Leben erschafft sich neu

Fällt aller Hader von ihm ab
erstehen frische Gedanken
das Leben erschafft sich neu
und Knospen brechen hervor

Erstehen frische Gedanken
ich atme auf und juble im Licht
und Knospen brechen hervor
wenn herzerwärmend Frühling wird


by ELsa (Text & Foto)

6. März 2009



schlaflos

ich hab dich so lieb
wenn dunkelmond über dächer kriecht
hebt glühen an in mir maßlos
trägt er über weiten hin zu dir
mein herz durch kälte nebelgrau
und leere doch reden wir
niemals davon



by ELsa
Bild: Le cirque bleu, Marc Chagall

5. März 2009



immer und immer und immer
nicht
siehst du das ertrinken
meiner augen noch wie das herz
versteinert
alle plagen über dich möchte ich
ausschütten
und doch warten auf ein wort von dir
immer und immer und immer
wieder




by ELsa
Foto: Bernd Boscolo by Pixelio

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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