Posts mit dem Label Alltagslyrik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Alltagslyrik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

22. April 2015

Endlich Frühling




Die Stadt atmet ein
zieht laue Luft durch
Wiener Gassen

ihr Ausatem spuckt winterblasse
Menschen aus
umspielt Plätze
unterkühltes Mauerwerk
weht
Blumenkleidchen hoch
die Beine flanieren sonnengerichtet
zum Stephansdom


Elsa Rieger

4. Juli 2014



In meiner Stadt
Die Fantasie reitet durch enge Gassen
wo alte Frauen ihre Dackel pinkeln lassen
und stets Geschichte neben einem schreitet

Hell lacht der Wolferl Amadeé
Der Augustin lallt: Alles tuat ma weh
der Pesthauch liegt in den Gemäuern

Der Basilisk fletscht immer noch das Maul
vor dem Fiaker hinkt ein müder Gaul
Touristen schwärmen übern Graben

Im Beisel Geigenschmalz erklingt
ein Gast das gold’ne Herz besingt
da wird mir schrecklich und auch gut

Prinz Eugen winkt steif hernieder
am Heldenplatz sammelt sich’s wieder
das Gestern wächst kräftig empor

Nicht weiter tragisch wird’s genommen
wir sind durch vieles schon geschwommen
sind Meister des Vergessens

Wien is a wunderschöne Leich’
mit einem finsteren Bereich
und dennoch lieb ich es



(c) ELsa Rieger
Foto: Schönlaterngasse

28. April 2014

Nur Spaß



sagte er, lachte
die Zähne schwarze Stummeln
sie war 16 - ein neugieriges Kind
hielt ihm die reine Ellenbogenbeuge
hin - sah zu wie Blut kam

dass er sie anfixte
verstand sie erst viel später
jetzt aber übergab sie sich
und dachte zugleich daran
wie sie Kohle aufstellen konnte
für den nächsten Schuss

bald machte sie sich klar
fürs Anschaffen - war einfach
jung und unverbraucht wie sie war
und die Jahre gingen ins Land
unzählig die Männerschar
die über sie drüberstieg

Wäre die Angst nicht gewesen
die vorm Schmerz
hätte sie gern Schluss gemacht
sie tat es nicht und ließ
ihre Seele fressen



(c) ELsa Rieger

12. Dezember 2013


Herbstmelancholie


draussen stürmt der herbst
in der küche ein ehekrach
das kind weint im bett

~

heute nacht – am fenster rauscht der regen –
lass ich revue passieren wie es mir so geht
voller verwunderung nach langem lauschen
breitet sich stille aus in meinem sinn

~

ich suche spuren der freude im
spiegelgesicht / silbergrau umrahmt
die kerben darunter sind scharf



(c) ELsa Rieger
Bild: (c) Lilya Corneli

3. November 2013



Momentaufnahme

Indian summer in Chicago
selbst Little Asia glänzt wie Gold
in diesem Sommeraufbegehren

der homeless Alte in Ebenholz
streckt seine Haut der Wärme entgegen
spaziert die Argyle entlang zum See
die nahende knackige Kälte macht ratlos
und wie sie überlebt werden soll

Squirrels nutzen die Gunst der Tage
suchen die Wiesen vorsorglich ab
weit vorn am Sandstrand Bikinimädchen
mit Hotdogs und klingendem Lachen

am Leuchtturm draußen pfeift der Wind
wirbelt das Wasser auf und das Blau
des Himmels spiegelt sich wider
im Glas der Wolkenkratzer
als wären sie Treppen ins Paradies

Der Alte schiebt einen Einkaufswagen
mit seiner wertvollen Habe darin
rauft sich das krause weiße Haar
blind für die Schönheit des Herbstes



(c) ELsa Rieger



1. August 2013




Im Dämmerlicht


des Morgens
wenn die Amsel tönt
noch Nebel über Gräsern liegt
da reichen Worte mir die Hand

Sie wiegen sich im zarten Tanz der Verse
bis sie im Reim gebunden
ihren Strophen Glanz verleihen

Doch nachts im Wachsgeknister
unterm Kerzenlicht finden sich andre Worte ein
sie brennen, wüten, trauern auf den Blättern
über Vergangenes und sammeln sich zum Schrei



(c) ELsa Rieger

Bild: Pamela Wilson bei www.beinart.org

26. Dezember 2012

Zwischen den Jahren


Erinnerungen
 

Ich vergesse nichts!

Manches sehe ich
ein wenig anders
durch die Brille
der Jahre.


Weichgezeichnet
kaum schmerzhaft
etwas geschönt.

 
Doch nichts davon
möchte ich missen.

Zugleich heiße ich
das Neue willkommen.

Egal wie es wird.

Ich habe ja meine Brille.


(c) ELsa Rieger
Foto : Günther Moro 


Stefanie Marten hat ein Kommentargedicht geschrieben, vielen Dank.

 
Meine Brille war in jungen Jahren zum Glück so klar,
dass ich sogar das Gute in den Menschen sah.


Doch sie zerkratzte und wurde trüb,
bis nur noch das Schlechte aus der Kindheit und Jugend übrig blieb.

Ich weiß, eine neue Brille ist erforderlich,
aber leider gibt es die richtigen Gläser für mich noch nicht.
***

Liebe Stefanie, ich wünsche dir von Herzen
die richtigen Gläser, 
nachdem du deine Lebensgeschichte 
so nahegehend aufgeschrieben hast.

***

Vielen Dank, lieber Ernst Blumenstein
für dein passendes Gedicht zur Brille:


Zwischen den Jahren
liegen Erinnerungen
die sich schönen,
und verstärken,
je älter sie werden.

Ich mag meine Brille
sie hilft mir,
dass meine Sinne
wach bleiben
manchmal muss ich sie
wieder schärfen lassen
meine Brille. 


***

24. Oktober 2012



Ganz gut


Nach langen Wochen praller Hitze
nicht enden wollend
auch des Nachts – wird’s Herbst.

Die Tage wirken müder.
Gehüllt in Nebeldecken, die sie
nur mittags zögernd lüften.

Ich sitze auf der Bank
zwischen türkisen Vasen
und vor mir fließt die Wien
seit guten hundert Jahren
durch Jugendstilgewölbe.

In Paaren und mit Hunden flanier’n
am Sonnenufer Menschen an mir vorbei.

Ich bin allein – nach Zeiten
des Liebens und der Abschiede.
Lab mich am Rundherum
und es ist gut so wie es ist.























 Text & Bild (c) ELsa Rieger


26. August 2012




ferien

ich lass mich mal treiben
ohne zu schreiben
von diesem und jenem

pirsch durch die fluren
denk nicht an lemuren
die mich oft jagen

hör den wald rauschen
statt nach innen zu lauschen
das tut einfach gut


(c) ELsa Rieger

5. April 2012


Endlich

Die Stadt atmet ein
zieht laue Luft durch
Wiener Gassen

ihr Ausatem spuckt winterblasse
Menschen aus
umspielt Plätze
unterkühltes Mauerwerk
weht
Blumenkleidchen hoch
die Beine flanieren sonnengerichtet
zum Stephansdom


(c) ELsa Rieger
Foto: "Kleines Kaffee" am Franziskanerplatz, Wien

27. März 2012


seifenblase nur

flirrt im licht
so tief berührend
wenn mann sie schweben lässt
streckt frau verführt die hand
danach zerplatzt der traum
ist bloß noch schaum auf sand


(c) ELsa Rieger
Foto: (c) Häferl bei www.panoramio.com

8. März 2012

Zum Frauentag 2012



Bänkelsang

Einst schleppt’ der Mann die Frau in seine Höhle,
sie blieb, sie hatte keine Wahl!
Er ging und jagte Tiger, Bisons, Löwen,
sie hütete das Feuer, kocht’ sein Mahl.

Refrain:
Ob Hüterin des Feuers
oder als Grande Dame,
vielleicht als Feministin?
Hauptsache, wir halten z’samm!

Nach einer Weil als Ritter hoch zu Pferde,
zog er auf Kreuzzug in das Heil’ge Land.
Im Keuschheitsgürtel Jahr um Jahr aus Ehre,
saß sie am Webstuhl, bis er heimwärts fand.

Der Bürger und Baron das Puff besuchte
und sich gerne auf das Mädchen legt’,
derweil die Ehefrau beim Kränzchen fluchte,
ansonsten schwieg und die Migräne pflegt’.

Ob Hüterin des Feuers
oder als Grande Dame,
vielleicht als Feministin?
Hauptsache, wir halten z’samm!

Es kam die Zeit der Suffragetten.
Frau schrie: wir wollen an die Macht!
Schluß, meine Herrn, wir sprengen alle Ketten,
das hättet ihr im Traum euch nicht gedacht!

Dann war es so, die einen sagten: Schwanz ab!
Den anderen spuckt' Mann auf den Kopf.
Der Macho meint': ihr schaufelt euch das eigne Grab!
Die Softies trugen einen Zopf.

Heut ist geschafft, die Frauenquoten steigen,
wohl zäh jedoch allmählich immer mehr.
Die HERRschaften schön langsam dazu neigen,
auch das Geschlecht des Weibs zu achten sehr.

Ob Hüterin des Feuers
oder als Grande Dame,
vielleicht als Feministin?
Hauptsache, wir halten z’samm!

(c) ELsa Rieger

27. Februar 2012


die ruhige zeit ist gegangen

zittern breitet sich aus
sternschnuppen regnen
und der himmel lacht

siehst du – sagt er
das glück kommt immer
ist schon recht – sagt er
pack es ganz und gar


(c) ELsa Rieger
Bild: Astronomielexikon

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

Lesbares - Sichtbares

Follower

Über mich

Blog-Archiv