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20. September 2018

Ohne Schuld - Elsa Rieger & Victoria Suffrage




Sie sind wie Sonne und Mond, Feuer und Wasser. Gemeinsam träumen sie davon, als Designerin und Model die Metropolen der Welt zu erobern. Stattdessen wird Nina mit siebzehn schwanger, ausgerechnet von dem Mann, den Jenny wollte. Die Freundschaft der Frauen kriselt, zerbricht aber nicht.
Bis Tommy, Ninas Sonnenschein, tödlich verunglückt und beide Frauen verantwortlich scheinen. Nina, weil sie nicht aufgepasst hat und Jenny, weil sie das Gartentor offenließ.
Getrieben von Schuld, ohne eine Aussprache, zerbricht ihr großer Traum.
Um ihn zu retten, brechen die Frauen ihre Zelte in Wien ab und wollen ihr Glück in Südfrankreich suchen. Doch die Vergangenheit reist mit.
 





Leseprobe

Blutsschwestern

Heute nimmt Nina mich zu dem großen Abenteuer mit. Mir ist bang, obwohl mich meine Freundin immer wieder ermuntert.
»Also, Jenny, ist doch so, wir sind jetzt schon acht, große Mädchen, wie Papa immer sagt, ich mein, den Schulweg dürfen wir auch allein …« Nina zwinkert mir so lustig zu, ich kann unmöglich Nein sagen zur Mutprobe.
»Okay, stimmt, aber zum Wasserfall, das ist ziemlich gefährlich, und meine Mama hat das verboten, kennst sie ja, die ist urstreng.«
Nina schüttelt ihre Haare, die nenne ich immer Mohnblumenhaare, weil irgendwie leuchten sie so dunkel und wehen auch so zart im Sommerwind wie gerade jetzt. Meine sind total langweilig blond und zu kurz, um zu wehen. Manchmal reiße ich an ihnen, aber sie wollen nicht wachsen, die blöden.
»Na, und?« Übermütig macht Nina einen Hüpfer. »Wir basteln dann aus dem Zeitungspapier Schiffchen und lassen sie runtersausen, das wird ein Spaß!« Wir sind am Bach, ich sehe den Wasserfall bereits, da müssen wir noch raufklettern über die Steine. Hab keine Lust dazu, ehrlich. Nina ist viel schneller als ich, logisch, ist ja auch dünner, die sieht eh immer aus, als könnte sie gleich davonfliegen. Schmetterling und Grashüpfer eben. Ich schau zur Sonne rauf, da fliegen sie, ihre Mohnblumenhaare ausgebreitet wie ein Fächer.
»Jenny, komm jetzt, los geht’s!«
Ups, sie hat schon den ersten Stein bestiegen, okay, ich mach halt mit und balanciere, damit ich nicht rutsche, ganz nass ist alles vom sprudelnden Wasser. So aus der Nähe sieht das echt wild aus, gruselig. Ui, jetzt ist sie mit den Sandalen ja doch ausgerutscht, klammert sich fest, geht weiter. Nun habe ich richtig Angst gekriegt und bin noch vorsichtiger. Ich mein, drei Meter sind eben drei Meter und Mama hat gesagt, das ist gefährlich, wenn die wüsste … dann darf ich nie mehr aus meinem Kinderzimmer raus.
Nina steht oben. »Huhu, Schlafmütze, komm endlich! Ist so toll hier.« Sie winkt begeistert.
»Dein Knie ist blutig.« Hab’s geschafft, bin bei ihr, wir hocken ganz am Rand vom Wasserfall, nass sind wir auch. Nina zuckt nur mit den Schultern, ja, eh, ein Indianer kennt keinen Schmerz, das sagt sie oft.
»Egal. Gib mal das Papier her.«
Die Zeitung habe ich Papa geklaut, hinten in den Hosenbund gesteckt, hole sie raus, ist auch schon feucht, so wie wir. Nina reißt sie mir aus der Hand, ein paar Fetzen fliegen davon.
»Hey, so werden keine Schiffchen draus!«
Aber sie faltet schon. Zuerst zur Malerkappe, dann zum ersten Schiff. »Jetzt pass auf, Jenny, du darfst das erste in die Fluten setzen.«
Dazu muss ich mich weit über den Felsrand beugen, ich zögere, da schubst sie mich ungeduldig, mein Herz klopft wie verrückt, bald wäre ich abgestürzt.
»Ach, Jenny, du Baby, ist nix passiert.« Sie wirft das Schiff nun selbst, lacht laut, als es vom Wasser verschluckt wird und unten wieder schwankend und reichlich kaputt an die Oberfläche kommt. »Jetzt du!«
»Nein!«
»Baby, Baby!« Nina stippt mir auf die Brust. »Ha, ab jetzt nenne ich dich Baby.«
»Mir egal!« Ich hab genug und klettere runter zum Bach.
Sie steht oben und faltet und faltet, wirft die Schiffchen in den Wasserfall, kreischt, die ist echt kindisch, mich aber Baby nennen, pah! Ich sitze am Ufer und werfe Kiesel, ist eh viel lustiger als da oben. Schon wieder kreischt sie, ich schau gar nicht mehr hin.
Brüllen. »Jenny!«
Nun sehe ich doch zu ihr, springe auf, denn Nina hängt an der Felswand auf der Wasserfallseite, hält sich gerade noch mit den Händen, was soll ich denn machen? Schürfe mir Schienbeine und Knie auf, so schnell klettere ich zu ihr, meine Nina, oh Gott! Sie ist patschnass, ich lege mich auf den Bauch und kriege ihre Knöchel zu fassen, verdammt, sie rutscht mir gleich weg! Aber dann legt sie ihre Hände um meine Handgelenke, sie packt zu, ich glaube, mir reißen gleich die Arme ab, doch ich ziehe und zerre, bis ihre Füße Halt haben, dann liegt sie neben mir, keucht und weint zur Abwechslung mal auch. Sie schnieft, legt den Kopf auf meine Brust.
»Baby, danke. Nie werde ich das vergessen. Du hast mein Leben gerettet.« Das ganze Gesicht küsst sie mir ab, hört gar nicht mehr auf damit.

Langsam steigen wir wieder runter, sitzen eine Zeit am Bachufer. Unsere Schürfwunden bluten noch ein bisschen und Nina beugt sich zu meinen Schienbeinen, leckt das eine ab, kitzelt.
»Jetzt du mein Knie. Ab nun sind wir Blutsschwestern, Baby.«
Ich lecke ihr Knie ab, schmeckt nach Eisen, das Blut.
»Blutsschwestern, ja.«
Wir verschränken unsere Hände ineinander, sehen uns in die Augen.
»Der Schwur, Nina, der muss noch.«
»Okay, du zuerst.«
Ich überlege, soll ja für immer halten, dann: »Blutsschwestern ein ganzes Leben, unsere Träume sollen wahr werden, ich werde eine berühmte Modeschöpferin und du mein schönstes Modell. Jetzt du.«
»Blutsschwestern ein ganzes Leben, unsere Träume sollen wahr werden, die Liebe ewig sein. Gut so?«
»Ja. Und du darfst mich Baby nennen, wenn du magst.« (...)



 


 

11. September 2016

Gut, wenn man einen rührigen Lektor hat

Liebe Freunde,

Mein geschätzter Lektor Michael Lohmann (ja, auch eine Lektorin wie ich benötigt den geschärften Blick von außen auf den eigenen Text) schreibt über meinen neuen Roman feine Sachen:

Es geht um eine Frau, die den Herren den Kopf verdreht, so ein Zärtelchen, ein Elfchen, mit jener Portion Charme, die Kerle umhaut für immer und ewig oder bis zur nächsten Eiszeit, mindestens... mehr davon auf seiner Netzseite: 

 www.worttaten.de



Kaufen?

12. März 2016

Mein neuer Roman - bald


Ich bin zurzeit sehr beschäftigt, um ein Manuskript fertigzustellen. Begleitet wird meine Arbeit von dem tollen Lektor Michael Lohman, der mich auch unglaublich freundlich willkommen heißt, siehe Link.
 
Hier eine Leseprobe aus der Erstfassung meinen neuen Romans in progress, viel Spaß.

1. Kapitel

Franz brannte darauf, Schorsch zu treffen. Er befand sich schon vor ihrem Stammlokal, aber es hatte noch geschlossen. Fünf Uhr nachmittags, er schaute auf die Armbanduhr, da könnte er glatt noch neue Kletterschuhe im Sportladen um die Ecke in der Bäckerstraße besorgen! Dort trödelte er herum, probierte dieses und jenes Paar, entschied sich schließlich für eines in violett und gelb. Die Schuhe legten sich wie eine zweite Haut um seine Füße, dementsprechend kostspielig waren sie. Egal, dachte Franz, euphorisch, wie er sich gerade fühlte.
Endlich war es achtzehn Uhr und Franz sprintete in die Nebengasse. Er öffnete die Tür „Zur Löwengrube“ so schwungvoll, dass die Klinke gegen den Garderobenständer krachte. Im letzten Moment erwischte er noch die Holzstange, ehe das Teil zu Boden gehen konnte. Gleich würde Marvin schimpfend aus der Küche kommen. Doch nichts geschah.
Franz staunte. Schwarze Plastikmesser an blutroten Schleifen baumelten von der Decke. Sogar das Klavier war damit dekoriert. Dann fiel ihm ein, dass heute auf der zusammengezimmerten Bühne ein Stück gespielt wurde. Da gab es kaum eine Chance, in Ruhe mit Schorsch zu reden; ob er überhaupt kam? Franz nahm ein Programm vom Tisch. „Jack the Ripper“ – er grinste, das passte zu Marvin. Kaum gedacht, hörte er ihn in der Küche keifen. „Was hast du wieder für einen Dreck zusammengekocht!“
Marvin schien seinem Hyppolith gleich an die Gurgel zu gehen. Da hielt er sich lieber raus, wenn zwei Liebende stritten.
Er schlug das Heft auf. Die Miss Chloé wurde von einer Feh Hartenstein gespielt. Hartenstein hieß die Konkurrenz, deretwegen ihn sein Chef gefeuert hatte, was sich aber nach dem ersten Schock als die Chance erwiesen hatte, endlich seinen Traum wahr werden zu lassen! Manchmal brauchte es wohl einen Tritt in den Allerwertesten, um zu kapieren; Franz lachte in sich hinein.
Besagtes Bauunternehmen hatte ein dichteres Netzwerk. Außerdem Preise abgeräumt. Franz schalt sich, es war doch jetzt vollkommen wurscht, sein Leben als Bauzeichner war beendet, ein neues hatte bereits begonnen und es war höchste Zeit, seinen besten Freund Schorsch in die Pläne einzuweihen.
Die Plastikmesser am Bühnenvorhang klirrten leise, Franz blickte auf, der Vorhang teilte sich und eine kleine schlanke Person trat hervor, sie sah sich um. Von ihrem Gesicht konnte Franz unter der Schminke kaum etwas erkennen – aber der Körper in dem kurzen Kleid war echt. Das Mädchen sah ihn aus grünblauen Augen an, wischte das schwarze Kunsthaar beiseite.
„Sie sind zu früh!“, sagte sie leise.
„Sind Sie Miss Chloé?“ Er lachte.
Das Mädchen schwieg.
„Bestimmt, so wie Ihre Augen funkeln“, fügte er hinzu. Was redete er da?
Sie durchwühlte ihre Perücke mit den rot lackierten Fingern. „Ja. Ich bin das leichte Mädchen, das den Bösewicht killt.“
„Und Ihr Vater ist nicht zufällig der bekannteste Baumeister von Wien?“
Miss Chloé schaute, als hätte sie einen Wurm verschluckt und verschwand hinterm Vorhang. Franz nahm seinen Einkaufssack mit den Schuhen und betrat durch die Schwingtür neben dem Ausschank die Küche.
„Servus“, sagte er.
Hyppolith lehnte am Gasherd. Mit verschränkten Armen glich er dem jungen Belmondo, und er schaute Franz genauso verkniffen an. Hinter seinem Rücken brodelte es in einem großen Topf, vor ihm stand Marvin, dicklich und einen Kopf kleiner als sein Lebensgefährte, und umklammerte Hyppoliths Unterarme.
„Was hast du wieder für einen Dreck zusammengekocht!“, wiederholte er erschüttert. Sein runder Körper zitterte vor Ärger.
„Hey, so schlimm kanns doch nicht sein?“ Franz fürchtete, dass seinen Freund irgendwann der Schlag treffen würde. Cholerisch war er schon mit elf gewesen, jetzt, älter geworden, schwoll Marvins Gesicht allmählich zu einem Ballon an.
„Der bildet sich ein, für heute Abend einen englischen Fraß kochen zu müssen, ich könnte kotzen.“
Franz lachte. „Der arme Hyppo hat’s doch nur nett gemeint.“ Er schlenderte auf den Herd zu und lüftete den Deckel des Topfes. Was ihm da entgegenduftete, roch wirklich nicht besonders.
„Du Banause, brauchst nicht so gucken, das ist ein Stew“, pfiff Hyppolith ihn an, riss sich die Schürze vom Leib und stürmte davon.
Marvin öffnete den Kühlschrank, studierte den Inhalt. „Es gibt Cucumber-Sandwiches zum Jack the Ripper. Basta.“
Franz schnappte sich eine Cocktailtomate. „Ein gutes Stück?“
„Geht so. Aber die Kleine, die den Jack schließlich killt, die ist richtig süß.“
„Das habe ich schon bemerkt.“ Franz lachte.
„Was machst du eigentlich schon hier?“, fragte Marvin.
„Ich war in der Gegend. Hab mir Kletterpatschen gekauft, Superangebot. Weißt eh, gegenüber vom Klettergarten, wo Schorsch und ich trainieren.“
„Apropos Schorsch, er hat angerufen, dass er knapp kommen wird heut, weil die irgendeine Einschulung am Kommissariat haben, wo er dozieren muss, der Herr Hauptkommissar.“

Eine Stunde später füllte sich das Lokal, bald waren alle Tische besetzt und Marvin musste allein bedienen. Vermutlich saß Hyppolith daheim und schmollte. Franz übernahm die Theke. Marvins rotes Gesicht glänzte. „Wer zum Teufel holt die Gurkenbrötchen aus der Küche?“
„Ich.“ Kriminalkommissar Georg Kirchner hatte im Trubel unbemerkt die Löwengrube betreten, jetzt zupfte er sich den fahlblonden Zopf zurecht. Er war ein wilder Hund, der Schorsch, für einen, der bei der Polizei arbeitete, würde man ihn nie halten. Der lange Zopf, das bunte Hemd, als wäre er gerade aus Hawaii gekommen, und die Sonnenbrille mitten in der Nacht, die wohl seinen Blick nach feschen Miezen verbergen sollte. Er, Franz und Marvin, der damals mit seinen Eltern aus Irland eingewandert war, waren seit dem Gymnasium dicke Freunde, besiegelt durch Blutsbruderschaft.
„Na, du schaust ja wieder aus!“ Franz lachte. „Nach der Vorstellung muss ich dir was erzählen. Gut, dass du da bist.“
„Na hörst, ein Mordstück, das lass ich mir net entgehen.“ Schorsch bleckte die strahlendweißen Zähne, die leicht vorstanden, und bewegte sich im Wildkatzengang zur Küche, um mit einem großen Tablett voller Gurkenbrötchen wiederzukehren.
Schließlich waren alle Gäste versorgt, Marvin dimmte das Licht im Zuschauerraum und schaltete die Spots für die Bühne ein, worauf ein irres Lachen ertönte, das durch Mark und Bein ging. Der Vorhang rutschte zur Seite, das Spektakel begann mit einem Erzähler im Cut, der vom erschröcklichen Tod des Hurenmörders Jack the Ripper berichtete, herbeigeführt von Miss Chloé, die dafür am Galgen baumeln würde.


Text Elsa Rieger
Bild Jürgen Nießen bei pixelio

16. Juli 2015

Elsa Rieger, Ein Mann wie Papa - Neuauflage


Ein Mann wie Papa


Die Geschichte trägt vielfach autobiografische Züge, ist aber dennoch ein Roman. Mein Romandebüt. Nachdem der Vertrag mit dem Verlag, bei dem das Buch fünf Jahre lang gebunden war, nun ausgelaufen ist, habe ich mich entschlossen, »Ein Mann wie Papa« ein wenig zu überarbeiten und selbst neu aufzulegen, weil dies für mich eine Herzenssache ist.

Elsa Rieger


Klappentext

Marie ist jedes Mittel recht, um ein Treffen mit Paul zu arrangieren. Der Trick, sie würde ein Buch über ihn schreiben, funktioniert. Prompt willigt er ein, doch nach einem ersten Date macht er sich rar und taucht nicht einmal mehr in der Stammkneipe auf.
Kurz vor Weihnachten, als Marie die Hoffnung schon aufgegeben hat,  gibt Paul endlich bekannt, dass er nun soweit ist, sich auf eine Beziehung einzulassen. Maries Glück scheint so nah, würde Paul nicht zum Prüfstein ihres ganzen bisherigen Lebens.

Maries Impulsivität und ihr allzu großes Herz lassen sie von einem Konflikt in den nächsten stürzen. Da ist noch ihre drogenabhängige Schwester Julia, für die sie sich verantwortlich fühlt und ihr fast schon erwachsener Sohn Max, den sie wie eine Löwin liebt. Nebenbei versucht sie Pauls Vorstellungen von einer ausgeglichenen, reifen Beziehung zu erfüllen, für die sie sich ganz schön verbiegen muss.

Leseprobe

Lady in red

Neujahrsabend.

»Ich verreise für ein paar Tage«, sagt Paul.
»Ach so? Geschäftlich?«
Er lacht. »Was dachtest du?«
Und, weiter, denke ich. Dann sage ich es doch. »Wovon lebst du eigentlich?«
Jetzt wo es raus ist, verstehe ich gar nicht, warum ich ihn nicht schon längst danach gefragt habe.
»Weinhandel.«
»Dann bist du Alkoholiker?«, kichere ich über den Joke.
Kaum gesagt, steht Paul auf. »Ich finde das nicht komisch. Ich muss los.«
»Du wolltest doch mit uns essen.« Ich richte mich vorsichtig auf.
Paul drückt mich in den Sitz zurück, gibt mir einen Kuss auf die Wangen und weg ist er. Es war doch bloß ein blöder Witz. Will er mich etwa erziehen? Mist!

Eine Woche schon. Die Tage kleben grau und ausgekaut aneinander. Paul ruft nicht an. Wenn es läutet, ist Julia dran.
»Es ist so super, Schwesterlein, seit Chris fort ist.«
Mir hüpft jedes Mal das Herz vor Glück, was schert mich der Rest der Welt, wenn es ihr gut geht. »Ist er wirklich nach Jamaika geflogen?« Ich kann es kaum glauben.
Sie lacht wie ein Glöckchen. »Du musst großen Eindruck auf ihn gemacht haben.«
Wir schicken uns ein paar Küsse durchs Telefon, dann bin ich wieder allein in meinem Kaugummitag.
Oder Max’ Neue ruft an, und sie blockieren stundenlang die Leitung. Mit mir redet er kaum ein Wort. Wahrscheinlich hat er mir immer noch nicht verziehen. Da kann ich noch so sehr betonen, dass mir seine Frisur gefällt.
Mona fragt ständig nach Paul, ich könnte ihr ein Buch nach dem anderen an den Kopf werfen, warum lässt sie mich nicht in Ruhe. Es scheint ihr Spaß zu machen, mich zu quälen. Den ganzen Tag hoffe ich für einen einzigen Augenblick, wenn ich die knarrenden Stufen zu meiner Wohnung hochsteige und die Tür aufschließe. Dann pocht mein Herz wie wild. Wenn wieder keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter ist, setzt es aus.

Heute erinnert sich Max daran, dass er eine Mutter hat.
»Oma lässt dich grüßen«, richtet er mir aus und balanciert ein Stück Pizza in sein Zimmer.
»Hat noch jemand angerufen«, frage ich.
»Paul hat nicht angerufen«, antwortet er und ich muss über seine Unverschämtheit lachen. Kluges Kind!
Langsam werde ich wütend, was fällt Paul eigentlich ein? Wie kann er nach diesen wundervollen Tagen überhaupt ohne mich leben? Ich schenke mir einen Cognac ein.
»Trink nicht so viel, Mama.«
»Lass mich«, schnauze ich und kippe das Glas hinunter. Vom Zensor befreit, wähle ich Pauls Nummer.
»Haiiii«, meldet sich eine Frauenstimme.
Mir verschlägt’s die Sprache.
»Hallo, ist da ein Stummer dran?«
Das blöde Kichern halte ich nicht aus. Ich lege auf.
Rache!, zuckt es durch mein Hirn. Rache! Rache! Rache!
»Ich gehe aus«, sage ich zu Max, der mich besorgt ansieht. »Und ob ich ausgehe!«
Das Etuikleid aus Shantungseide modelliert meine Rundungen. Dass ich kaum atmen kann, tut nichts zur Sache. Im gleichen Rot bemale ich die Lippen, die Augen schminke ich à la Japonaise. Ich ziehe eine unsichtbare Boa aus Straußenfedern hinter mir her und übe vor dem Spiegel Hüftschwünge. Max bekommt einen Kuss.
»Na«, frage ich ihn.
»Toll, Mama.« Popcorn kauend starrt er auf die Mattscheibe.
Kaum stehe ich im Treppenhaus, klingelt das Telefon.
»Sie ist gerade weg«, sagt Max.
Das war bestimmt Paul.
Ich bin wie erstarrt. Sobald ich mich wieder bewegen kann, werde ich zurückgehen. Ich könnte doch so tun, als hätte ich was vergessen und nebenbei fragen, ob ich mich verhört hätte. Dann zuckt der Racheblitz wieder auf, die selten dämliche Stimme hallt piepsend durch meinen Kopf, sofort spüre ich die Schmach, ich mache auf dem Absatz kehrt, steige die Stufen hinunter und stöckle in die Nacht hinaus. Lady in red, eine Frau sieht rot. Ich werde mich bei Carlo sinnlos betrinken, mir macht das nämlich Spaß. Weinhändler! Spießer!

Nach Karl, dem autoritären Bäcker, hatte ich Spießern endgültig den Rücken gekehrt. War alles bisherige bloß ein Spiel gewesen, gab ich jetzt richtig Gas. Mein Papa war sowieso unterwegs. Er nannte es beruflich, doch inzwischen wusste ich, dass er log, und fühlte mich verraten und verlassen. Aber wenn Papa daheim war, hatten wir unglaublichen Spaß zusammen. Er spielte uns Balladen vor. Wir bevorzugten den Erlkönig: Als der Vater das Ziel erreicht, hat das Kind in die Windel gemacht und er hat seinen Teil davon abbekommen. Papa galoppierte auf einem unsichtbaren Schimmel durch die Wohnung, mimte einmal den Erlkönig, dann wieder seine Töchter mit schauerlich schlechten Ballettschritten. Wir lagen auf dem Boden vor Lachen. Plötzlich stolperte er und blieb wie tot liegen, bis wir vor Schreck zu schreien anfingen. Als Gutenachtgeschichte musste allabendlich Goethes Türmer herhalten. Sobald das Skelett beim Glockenschlag zerschellte, schliefen wir ein.
Papa gab immer seltener Gastspiele, je älter wir wurden.
Ich trat aufs Gas, unbeachtet, denn meine jüngeren Geschwister beanspruchten die ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung Mamas.
Die Schule bedeutete mir gar nichts mehr, die Clique alles. Meine Freunde kamen aus verschiedenen Schichten. Tramper und Straßenmaler, Studenten, Beatniks, Schulverweigerer aus gutem Hause. Damals war mir nicht bewusst, dass ich versessen auf Liebe war. Liebe und Anerkennung machten mich trunken, sie waren meine Drogen. Und ich verschaffte sie mir.

Ich hoffe, bei Carlo Paul zu treffen. Ich habe meinen Auftritt inszeniert, lasse ein helles Lachen erklingen.
»Champagner, Carlo!« Die Bestellung unterstreiche ich mit einem Hüftschlenker. Eduard, ein alter Bekannter, steht vom Tisch auf und kommt zu mir.
»Warum bist denn so aufgemotzt, Marie?«
»So bin ich in Wahrheit!« Ich stecke eine Zigarette zwischen meine glutroten Lippen und bitte um Feuer.
»Nö. Bin doch Nichtraucher«, sagt er und winkt jemand anderem zu.
»Banause!« Ich lächle Carlo an.
So breit wie hoch er ist, zwinkert er mir zu. Ich weiß, dass er mich liebt. Er stellt sein Glas ab.
»Was planst du?«
»Männermord, warum?«
Carlo kratzt sich die Glatze. »An wen dachtest du?«
Ich beuge mich über die Theke, spüre wie sich die Seide um meinen Hintern spannt. Langsam richte ich mich wieder auf. »An Paul.«
Carlo zeigt mir einen Vogel. »Du spinnst, Marie, so einen netten Kerl findet man nicht oft.«
»Frau schon«, sage ich und gleite vom Hocker. Ich bin fest entschlossen, mir einen wundervollen Abend zu verschaffen. Ich flirte, was das Zeug hält. Sogar Carlo mache ich schöne Augen, aber er zeigt mir immer wieder einen Vogel.
Tief in mir weint die kleine Marie, ich ertränke sie mit noch mehr Sekt.

Später sitze ich auf dem Schoß eines fremden Mannes, der meinen Oberschenkel betatscht. Scheißsekt. Mein Magen rebelliert. Ich weiß, wie mein Lächeln wirkt. Sanft aber bestimmt schiebe ich seine Hand weg, da packt er zu, und ich versuche mich aus dem Griff zu winden. (...)

Ich freu mich sehr, dass das Buch wieder lieferbar ist:

 

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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