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16. Juli 2015

Elsa Rieger, Ein Mann wie Papa - Neuauflage


Ein Mann wie Papa


Die Geschichte trägt vielfach autobiografische Züge, ist aber dennoch ein Roman. Mein Romandebüt. Nachdem der Vertrag mit dem Verlag, bei dem das Buch fünf Jahre lang gebunden war, nun ausgelaufen ist, habe ich mich entschlossen, »Ein Mann wie Papa« ein wenig zu überarbeiten und selbst neu aufzulegen, weil dies für mich eine Herzenssache ist.

Elsa Rieger


Klappentext

Marie ist jedes Mittel recht, um ein Treffen mit Paul zu arrangieren. Der Trick, sie würde ein Buch über ihn schreiben, funktioniert. Prompt willigt er ein, doch nach einem ersten Date macht er sich rar und taucht nicht einmal mehr in der Stammkneipe auf.
Kurz vor Weihnachten, als Marie die Hoffnung schon aufgegeben hat,  gibt Paul endlich bekannt, dass er nun soweit ist, sich auf eine Beziehung einzulassen. Maries Glück scheint so nah, würde Paul nicht zum Prüfstein ihres ganzen bisherigen Lebens.

Maries Impulsivität und ihr allzu großes Herz lassen sie von einem Konflikt in den nächsten stürzen. Da ist noch ihre drogenabhängige Schwester Julia, für die sie sich verantwortlich fühlt und ihr fast schon erwachsener Sohn Max, den sie wie eine Löwin liebt. Nebenbei versucht sie Pauls Vorstellungen von einer ausgeglichenen, reifen Beziehung zu erfüllen, für die sie sich ganz schön verbiegen muss.

Leseprobe

Lady in red

Neujahrsabend.

»Ich verreise für ein paar Tage«, sagt Paul.
»Ach so? Geschäftlich?«
Er lacht. »Was dachtest du?«
Und, weiter, denke ich. Dann sage ich es doch. »Wovon lebst du eigentlich?«
Jetzt wo es raus ist, verstehe ich gar nicht, warum ich ihn nicht schon längst danach gefragt habe.
»Weinhandel.«
»Dann bist du Alkoholiker?«, kichere ich über den Joke.
Kaum gesagt, steht Paul auf. »Ich finde das nicht komisch. Ich muss los.«
»Du wolltest doch mit uns essen.« Ich richte mich vorsichtig auf.
Paul drückt mich in den Sitz zurück, gibt mir einen Kuss auf die Wangen und weg ist er. Es war doch bloß ein blöder Witz. Will er mich etwa erziehen? Mist!

Eine Woche schon. Die Tage kleben grau und ausgekaut aneinander. Paul ruft nicht an. Wenn es läutet, ist Julia dran.
»Es ist so super, Schwesterlein, seit Chris fort ist.«
Mir hüpft jedes Mal das Herz vor Glück, was schert mich der Rest der Welt, wenn es ihr gut geht. »Ist er wirklich nach Jamaika geflogen?« Ich kann es kaum glauben.
Sie lacht wie ein Glöckchen. »Du musst großen Eindruck auf ihn gemacht haben.«
Wir schicken uns ein paar Küsse durchs Telefon, dann bin ich wieder allein in meinem Kaugummitag.
Oder Max’ Neue ruft an, und sie blockieren stundenlang die Leitung. Mit mir redet er kaum ein Wort. Wahrscheinlich hat er mir immer noch nicht verziehen. Da kann ich noch so sehr betonen, dass mir seine Frisur gefällt.
Mona fragt ständig nach Paul, ich könnte ihr ein Buch nach dem anderen an den Kopf werfen, warum lässt sie mich nicht in Ruhe. Es scheint ihr Spaß zu machen, mich zu quälen. Den ganzen Tag hoffe ich für einen einzigen Augenblick, wenn ich die knarrenden Stufen zu meiner Wohnung hochsteige und die Tür aufschließe. Dann pocht mein Herz wie wild. Wenn wieder keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter ist, setzt es aus.

Heute erinnert sich Max daran, dass er eine Mutter hat.
»Oma lässt dich grüßen«, richtet er mir aus und balanciert ein Stück Pizza in sein Zimmer.
»Hat noch jemand angerufen«, frage ich.
»Paul hat nicht angerufen«, antwortet er und ich muss über seine Unverschämtheit lachen. Kluges Kind!
Langsam werde ich wütend, was fällt Paul eigentlich ein? Wie kann er nach diesen wundervollen Tagen überhaupt ohne mich leben? Ich schenke mir einen Cognac ein.
»Trink nicht so viel, Mama.«
»Lass mich«, schnauze ich und kippe das Glas hinunter. Vom Zensor befreit, wähle ich Pauls Nummer.
»Haiiii«, meldet sich eine Frauenstimme.
Mir verschlägt’s die Sprache.
»Hallo, ist da ein Stummer dran?«
Das blöde Kichern halte ich nicht aus. Ich lege auf.
Rache!, zuckt es durch mein Hirn. Rache! Rache! Rache!
»Ich gehe aus«, sage ich zu Max, der mich besorgt ansieht. »Und ob ich ausgehe!«
Das Etuikleid aus Shantungseide modelliert meine Rundungen. Dass ich kaum atmen kann, tut nichts zur Sache. Im gleichen Rot bemale ich die Lippen, die Augen schminke ich à la Japonaise. Ich ziehe eine unsichtbare Boa aus Straußenfedern hinter mir her und übe vor dem Spiegel Hüftschwünge. Max bekommt einen Kuss.
»Na«, frage ich ihn.
»Toll, Mama.« Popcorn kauend starrt er auf die Mattscheibe.
Kaum stehe ich im Treppenhaus, klingelt das Telefon.
»Sie ist gerade weg«, sagt Max.
Das war bestimmt Paul.
Ich bin wie erstarrt. Sobald ich mich wieder bewegen kann, werde ich zurückgehen. Ich könnte doch so tun, als hätte ich was vergessen und nebenbei fragen, ob ich mich verhört hätte. Dann zuckt der Racheblitz wieder auf, die selten dämliche Stimme hallt piepsend durch meinen Kopf, sofort spüre ich die Schmach, ich mache auf dem Absatz kehrt, steige die Stufen hinunter und stöckle in die Nacht hinaus. Lady in red, eine Frau sieht rot. Ich werde mich bei Carlo sinnlos betrinken, mir macht das nämlich Spaß. Weinhändler! Spießer!

Nach Karl, dem autoritären Bäcker, hatte ich Spießern endgültig den Rücken gekehrt. War alles bisherige bloß ein Spiel gewesen, gab ich jetzt richtig Gas. Mein Papa war sowieso unterwegs. Er nannte es beruflich, doch inzwischen wusste ich, dass er log, und fühlte mich verraten und verlassen. Aber wenn Papa daheim war, hatten wir unglaublichen Spaß zusammen. Er spielte uns Balladen vor. Wir bevorzugten den Erlkönig: Als der Vater das Ziel erreicht, hat das Kind in die Windel gemacht und er hat seinen Teil davon abbekommen. Papa galoppierte auf einem unsichtbaren Schimmel durch die Wohnung, mimte einmal den Erlkönig, dann wieder seine Töchter mit schauerlich schlechten Ballettschritten. Wir lagen auf dem Boden vor Lachen. Plötzlich stolperte er und blieb wie tot liegen, bis wir vor Schreck zu schreien anfingen. Als Gutenachtgeschichte musste allabendlich Goethes Türmer herhalten. Sobald das Skelett beim Glockenschlag zerschellte, schliefen wir ein.
Papa gab immer seltener Gastspiele, je älter wir wurden.
Ich trat aufs Gas, unbeachtet, denn meine jüngeren Geschwister beanspruchten die ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung Mamas.
Die Schule bedeutete mir gar nichts mehr, die Clique alles. Meine Freunde kamen aus verschiedenen Schichten. Tramper und Straßenmaler, Studenten, Beatniks, Schulverweigerer aus gutem Hause. Damals war mir nicht bewusst, dass ich versessen auf Liebe war. Liebe und Anerkennung machten mich trunken, sie waren meine Drogen. Und ich verschaffte sie mir.

Ich hoffe, bei Carlo Paul zu treffen. Ich habe meinen Auftritt inszeniert, lasse ein helles Lachen erklingen.
»Champagner, Carlo!« Die Bestellung unterstreiche ich mit einem Hüftschlenker. Eduard, ein alter Bekannter, steht vom Tisch auf und kommt zu mir.
»Warum bist denn so aufgemotzt, Marie?«
»So bin ich in Wahrheit!« Ich stecke eine Zigarette zwischen meine glutroten Lippen und bitte um Feuer.
»Nö. Bin doch Nichtraucher«, sagt er und winkt jemand anderem zu.
»Banause!« Ich lächle Carlo an.
So breit wie hoch er ist, zwinkert er mir zu. Ich weiß, dass er mich liebt. Er stellt sein Glas ab.
»Was planst du?«
»Männermord, warum?«
Carlo kratzt sich die Glatze. »An wen dachtest du?«
Ich beuge mich über die Theke, spüre wie sich die Seide um meinen Hintern spannt. Langsam richte ich mich wieder auf. »An Paul.«
Carlo zeigt mir einen Vogel. »Du spinnst, Marie, so einen netten Kerl findet man nicht oft.«
»Frau schon«, sage ich und gleite vom Hocker. Ich bin fest entschlossen, mir einen wundervollen Abend zu verschaffen. Ich flirte, was das Zeug hält. Sogar Carlo mache ich schöne Augen, aber er zeigt mir immer wieder einen Vogel.
Tief in mir weint die kleine Marie, ich ertränke sie mit noch mehr Sekt.

Später sitze ich auf dem Schoß eines fremden Mannes, der meinen Oberschenkel betatscht. Scheißsekt. Mein Magen rebelliert. Ich weiß, wie mein Lächeln wirkt. Sanft aber bestimmt schiebe ich seine Hand weg, da packt er zu, und ich versuche mich aus dem Griff zu winden. (...)

Ich freu mich sehr, dass das Buch wieder lieferbar ist:

 

9. April 2015

Leseprobe aus Helene sucht eine große Zehe und entdeckt die Wirklichkeit





 Der Messerwerfer

„Du kommst nach London, spazierst über den Circus und triffst einen Artisten.“ Gwen ist wider Erwarten begeistert, als ich ihr von der Begegnung berichte und die Karten zeige.

Das Revuetheater liegt in der Nähe der Westminster Abbey in der Circus Road, rot bespannte Wände, plüschiges Ambiente. Unsere Plätze befinden sich in der Mitte der ersten Reihe.
„Das nenn ich Protektion, meine Süße!“ Gwen freut sich, aber mir ist das peinlich, ich wäre lieber diskret irgendwo hinten im Publikum gesessen.
Ein klassisches Programm läuft ab. Trapezkünstler in Lamé-Overalls aus Südamerika, ein Zauberer im Frack mit Kaninchen im Zylinder und einer Dame, die er zersägt. Eine Nummer, in denen Pudel in Apricot durch flammende Reifen springen, angeführt von einer üppigen Frau, deren Dauerwellenlöckchen wie das Fell der Hunde gefärbt sind. Zwischen den Darbietungen die typischen Spaßnummern von zwei Clowns. Einer von ihnen agiert in Frauenkleidern, und jedes Mal, wenn der andere in seinen übergroßen Schuhen hinfällt, dreht er dem Publikum den Rücken zu, streckt den Hintern vor und rafft den Rock. Auf seiner Unterhose steht: „Total Asshole“. Die Zuschauer pfeifen und grölen.
Meine Spannung steigt, je weiter sich die Show der Halbzeit nähert, denn danach tritt der Messerwerfer auf.
In der Pause muss Gwen eine Zigarette haben. Auf der Straße sagt sie: „Jetzt bin ich aber gespannt auf deinen ...“
„Robert. Nicht mein.“ Doch insgeheim wünsche ich es mir. Mein Robert.
Als wir in den Saal zurückkommen, steht schon ein kleiner Tisch nahe der Rampe. Darauf liegen in zwei akkurat ausgerichteten Reihen Wurfmesser mit roten Griffen. Robert betritt von links die Bühne. Sein Gesicht verborgen hinter einem Blumenmeer roter Gladiolen in den Armen. Lächelnd wirft er eine um die andere ins Publikum. Eine landet vor meinen Füßen. Ich hebe sie auf, und als ich wieder zur Bühne blicke, steht eine Assistentin im hautengen, silbernen Overall neben Robert. Er führt sie zur schwarzen Zielscheibe, die an der hinteren Wand montiert ist, schnallt ihr Lederriemen um Hand- und Fußknöchel, Taille und Stirn. Kurz betrachtet er sein Werk, wendet sich dann dem Tischchen zu.
Mein Herz steht still, als Robert das erste Messer in die Hand nimmt und sich auf die Finger haucht. Es ist ganz ruhig im Saal, vielleicht halten alle den Atem an wie ich.
Roberts Muskeln spannen das Seidenjackett am Rücken, an den Schultern. Plötzlich steckt das Messer mit zitterndem Griff neben dem linken Ohr der Frau. In rascher Folge fliegen die anderen, während die Scheibe zu rotieren beginnt. Schneller und schneller, Robert jagt ein Messer nach dem anderen über die Bühne.
Ich schließe die Augen, in meinem Kopf dreht sich alles, ich sehe, wie der Schenkel der Assistentin durchstochen wird, eine Schneide steckt in ihrem Herzen, eine im Augapfel. Blut spritzt auf die Bühne, da die Scheibe nicht aufhört, zu rotieren.
Dann tost Applaus in meinen Ohren und ich öffne die Augen. Die Scheibe steht ruhig, Robert hat alle Messer geworfen. Er befreit seine Assistentin, geleitet sie zur Rampe. Sie knickst. Ihr Overall ist natürlich unbefleckt; meine absurden Fantasien! Robert breitet die Arme aus und verbeugt sich. Wieder brandet Applaus auf.
„Yes!“, schreit Robert triumphierend, „Yes!“
„Ich muss zu ihm“, sage ich entschlossen, „verstehst du das, Gwen?“
„Natürlich, geh nur, wir sehen uns zuhause. Man lernt ja nicht jeden Tag einen Artisten kennen.“
Vor dem Flur, der zu den Künstlergarderoben führt, verabschiedet sie sich mit einem anzüglichen Grinsen. Ich gehe von Tür zu Tür, schließlich finde ich jene mit Roberts Namen. Sie steht offen, ich hebe die Hand, um zu klopfen, doch im selben Moment spaziert die Assistentin, in Jeans und Rollkragenpulli, an mir vorbei. Sie schaut mich spöttisch an. In einem schwarzen Frotteebademantel lehnt Robert am Schminktisch und cremt sich die Hände ein. Auf dem Stuhl sitzt einer der Clowns, noch in seinem Kostüm.
Robert wirkt überrascht, als er mich in der Tür stehen sieht. Doch dann lächelt er glücklich, „Komm rein!“ Er deutet auf seinen Besuch. „Das ist Jack total asshole.“
Der Clown nickt mir zu, grinst. „In Wahrheit ist Robert das Arschloch, Sie werden schon sehen.“
„Hau schon ab“, sagt Robert und Jack verlässt die Garderobe.
„Schön, dass du hier bist, ich habe mir eben den Angstschweiß abgeduscht“, er zeigt auf seine feuchten Haare. „Was trinken?“ Geschmeidig stößt er sich vom Tisch ab und füllt zwei Gläser mit Grenadine und Sekt, reicht mir eines. Ich nippe daran. Robert trinkt seines in einem Zug leer, drückt mich an sich. Sein Kuss drängend, er saugt an meiner Oberlippe, ganz selbstverständlich.
Was denn sonst?, denke ich und sage auch ganz selbstverständlich: „Ich will dich.“
„Ich weiß.“ Er schlüpft aus dem Bademantel, steht im roten Minislip vor mir und ich senke den Blick. Dann kleidet er sich an. „Komm, wir gehen zu mir.“

Das Hotel ist schäbig.
„Yes“, flüstert Robert.
Als er in mir explodiert, brüllt er es und rollt sich neben mich.
„Es tut mir leid“, sage ich, „ich bin nicht besonders gut in dieser Disziplin.“
Er lacht.
„Ich war zu geil auf dich, zu schnell.“ Er streichelt meine Wangen. Sein Körper ist drahtig und so blass wie die Hände.
Ich berühre seine Finger. „Sie sehen so zerbrechlich aus.“
„Sie sind kräftig.“ Robert stützt sich auf den Ellenbogen, mustert mich. Ich schaue zur hochglanzlackierten Holzschatulle, in der er seine Messer aufbewahrt. Er folgt meinem Blick. „Ich lasse sie niemals in einem der Theater, lieber schleppe ich mich damit ab.“
Ich stehe auf und stelle mich an den windschiefen Schrank.
„Wirf! Beweise es.“
„Was?“ Erstaunt.
„Dass ich mich sicher bei dir fühlen kann, dass du mich liebst.“
„Nein!“ Er kommt zu mir, presst seinen Körper an mich.
„Willst du morgen mein Model auf der Bühne sein? Wagst du es?“
„Yes“, sage ich.
Wir lieben uns die ganze Nacht, bei jedem Mal öffnen wir einander mehr. Robert führt mich geduldig in die Kunst der Liebe ein, und ich strecke meinen nackten Körper wohlig unter seinen Zärtlichkeiten. Ich denke an Django, seine grobe Umgangsweise, kein Wunder, dass ich bisher kein großes Interesse an Sex entwickelt habe.
„Ich glaube, du bist meine Liebe.“ Ich werfe mich auf ihn und überschütte ihn mit Küssen.
„Liebe. Was für ein großes Wort“, lacht er.

Zwei Wochen sind es nun, die ich mit Robert in seiner Absteige verbringe. Gwen treffe ich nur ab und zu. Es entgeht mir nicht, dass sie deswegen schmollt.
„Schau“, sage ich und bestelle für sie eine zweite Portion Schokoladeneis in der besten Eisdiele Londons nach unserem Spaziergang durch Covent Garden, „ich lerne endlich wirklich die Liebe kennen, sei mir doch nicht böse.“ Um sie zu beruhigen, habe ich ihr in der Mall ein schönes XXL-Kleidchen gekauft, das sie gleich anbehalten hat. Immerhin hat sie danach aufgehört, mit mir zu schimpfen.
Liebevoll und gar nicht laut sagt sie: „Ich mach mir einfach Sorgen, du bist so naiv, weißt du? Jetzt gehst du sogar auf die Bühne mit dem Typen, wo soll das hinführen?“
„Hab dich nicht so, komm mit, sieh es dir an“, lache ich. „Ich werde doch nicht zum Schafott geführt. Robert ist ein Profi. Und nun ist er mein.“
Entsetzt schüttelt Gwen den Kopf, sie plustert sich in ihrer Üppigkeit auf, indem sie die Rüschen des neuen violetten Samtkleides um sich drapiert. Theatralisch hebt sie den Arm und legt ihn über die Stirn.

Nachher in Roberts Garderobe – Gwen ist tatsächlich nicht mitgekommen – kippe ich zwei Gläser Kir Royal.
„Der Köper muss absolut ruhig bleiben.“ Seine Finger spielen Klavier in der Luft.
Ich trinke ein weiteres Glas. „Jetzt bin ich ganz ruhig. Vielleicht sterbe ich heute. Ich will in einem Zustand der Erleuchtung ins Blau übergehen.“
„Du bist verrückt.“ Er steckt mir die Zunge zwischen die Lippen.
Es wird Zeit, ich schminke meine Augen, male den Mund dunkelrot an. Das Kostüm der Assistentin ist mir zwei Nummern zu groß. Robert verzieht das Gesicht.
„Ich weiß was“, sage ich, „hast du vielleicht ein Messer hier?“ Darüber muss ich augenblicklich lachen. Er auch. Ich schneide die Beine der schwarzen Seidenhosen in Fransen, meinen roten Pulli in Streifen.
„Heute nagelst du zur Abwechslung einen Punk an die Scheibe!“
Sein Lächeln wirkt abwesend, wir laufen den Flur entlang zur linken Seite der Bühne, warten auf das Zeichen für den Auftritt. In einem Aufwallen von Angst greife ich nach Roberts Hand.
„Jetzt nicht“, flüstert er heiser, schüttelt mich ab und umarmt den dicken Blumenstrauß. In seinen dunklen Augen flackert die Anspannung. Er hat auch Angst, das beruhigt mich.
„Du musst Arbeit und Liebe auseinanderhalten.“ Bei seinen Worten öffnet sich der Vorhang.
Schon hat er sein umwerfendes Lachen aufgesetzt und wirft die Gladiolen ins Publikum. Dann winkt er mich zu sich. Stolz stöckle ich in meinen Stiefeletten auf die Bühne. Robert nimmt meine Hand und verbeugt sich tief mit mir zusammen.
Kerzengerade gehe ich neben meinem Messerwerfer zur Drehscheibe. Während er mir die Gurte umlegt, zischt er zwischen den Zähnen: „Das ist Arbeit – ernst wie der Tod.“
Ich suche vergebens seinen Blick. Nun bin ich eine Schießbudenfigur. Er läuft zur Rampe, zu den Messern.
Meine Schenkel fangen zu zittern an, der Tremor ergreift den gesamten Körper bis hinauf zu den Haarwurzeln. Robert tariert das erste Messer aus, wirft. Ich kneife die Augen zusammen. Ein Luftzug, ein Aufschlag neben dem linken Ohrläppchen. Die Schneide singt eine Zehntelsekunde. Ein Einschlag nach dem anderen. Schweiß sammelt sich zwischen meinen Brüsten, sickert zum Bauchnabel abwärts. Dann eine kühle Hand an meinem Hals, erschrocken reiße ich die Augen auf.
„Ist gut. Alles gut“, sagt Robert und drückt den Hebel, der die Scheibe in Drehung versetzt.

Die Welt zerfällt in bunte Wirbel, Strudel, Schlieren.
Durch die Lichtkreisel kriechen Amphibien aus dem brodelnden Meer ans Land. Vulkane spucken Feuerfontänen, die Erde bebt unter den Schritten der Saurier. Ein Tyrannosaurus Rex beißt den Kopf vom langen Hals eines Dinosauriers, als handle es sich um einen kandierten Apfel am Stiel. Mammuts wiegen sich vorbei, und dahinter brüllen die ersten Menschen, bewaffnet mit Stangen.
Die Drehgeschwindigkeit verlangsamt sich. Applaus rauscht in meinen Ohren. Ich wage einen Blick. Vor mir steht Robert.
„Yes! Und wieder die Liebe“, sagt er und hebt mich herunter.



2. März 2015

Leseprobe aus Helene sucht eine grosse Zehe und entdeckt die Wirklichkeit

Leseprobe:

Helene ist fünfundzwanzig, sie kommt gerade von ihrem Vater, der sie zum Geburtstag damit überrascht, dass er sie zur Teilhaberin der Dessousfabrik macht.
—
Als ich zwanzig war, konnte er nicht stolz auf mich sein, ich war ihm peinlich. Heute verstehe ich das. Ich sehe mich, wie ich vor ein paar Jahren barfuß durch die Stadt zu Django lief, nach einem Streit mit Papa wegen der beschissenen Unterhosen, die ich in der Phase meiner Lehrzeit nähen sollte. Ich denke, Django war damals der einzige Jamaikaner in ganz Österreich, klar, dass ich ihn haben wollte.
Bei ihm kauerte ich auf dem Linoleumboden, und er saß auf seinem abgewetzten Sofa über mir. Meine Fingernägel waren so schwarz wie die Fußsohlen, ich pulte den Schmutz zwischen den Zehen heraus. „Drecksfabrik! Am besten, ich werde schwanger, dann wird er Ruhe geben.“
Vergebens versuchte ich, den Blick meines Liebsten unter den dichten, langen Wimpern einzufangen.
„Bitte!“
Er heizte das Dope an. „Magst du auch?“
„Mach mir ein Kind. Bitte!“ Lauter.
„Ekelhaft.“
„Du vögelst doch gern. Was ist schon dabei?“ Schreiend.
Django hustete nach dem Lungenzug. Er schob das Kinn vor in Richtung Flur. „Geh duschen!“
Vielleicht war er besserer Laune, wenn ich seinem Wunsch nachkam.
Ich war erst ein paar Mal bei ihm gewesen. Er kam lieber in meinem Elternhaus vorbei. Es sei edler, sagte er. Außerdem gab es bei ihm nie etwas zu essen. Kennengelernt hatte ich ihn im Voom-Voom, der schrägsten Disco Wiens. Zuhause gab ich vor, an diesen Tanzabenden eine Freundin zu besuchen. Papa hätte niemals zugestimmt, dass seine Tochter in ein derartiges Lokal ginge. Django arbeitete dort hinter der Theke und schenkte Bier aus. Eines Abends war ich sturzbetrunken, weil ich nur mit ihm ins Gespräch kam, wenn ich etwas bestellte. Mutig fiel ich ihm um den Hals, das kam ihm entgegen, er legte mich in der Personalgarderobe aufs Kreuz. Seitdem waren wir ein Paar.
Mit seiner Nagelbürste schrubbte ich die schmutzigen Fußsohlen, das heiße Wasser färbte sich langsam von Dunkelgrau zu Hellgrau. Endlich war es durchsichtig, ich stieg aus der Dusche und trocknete mich ab. Als ich ins Zimmer zurückkam, war Django zugedröhnt. Ich umschlang seinen Nacken, setzte mich auf seinen Schoß und küsste ihn.
„Ein Kind“, flüsterte ich ihm ins Ohr.
Anfallartig begann er zu lachen, seine Dreads wippten im Takt der Stöße. Plötzlich schubste er mich von seinen Schenkeln.
„Du spinnst doch!“
Ich landete mit dem Hintern auf dem Linoleumboden. Nachdem ich mich angezogen hatte, schlug ich Django ins Gesicht.
„Dann scheiß ich auf dein Einverständnis, Idiot! Ich krieg schon, was ich will!“
Er hielt sich die Wange, trat nach mir. Doch er erwischte mich nicht mehr. Ich war bereits aus der Tür, spuckte sie an und lief davon. So ein Arsch!
Zuhause setzte ich mich auf die Schaukel meiner Kindheit im alten Nussbaum und beobachtete meine Mutter Margarethe. Die sprach im Singsang, wenn sie sich über die Beete beugte oder die verblühten Rosenköpfe aus den Ranken zupfte. Die Blumen nannte sie: „Meine Schönen.“ Mit mir schimpfte sie oft, beklagte sich über mein Benehmen. Nacktschnecken schnitt sie entzwei und Wühlmäuse verfolgte sie mit dem Spaten. Über die regte sie sich am meisten auf. Wenn sie selten genug eine stellte, erschlug sie die mit Genuss.
„Verdammtes Rattenpack!“, schrie sie auch an diesem Tag, als sie eine erwischt hatte.
„Lass sie leben“, bat ich. Mutter hörte nicht, sie fuhr damit fort, Schnecken aus dem Gras zu rupfen, zu halbieren und in einem roten Kübel zu sammeln. Der Ast, an dem die Seile hingen, knarrte, als ich von der Schaukel sprang. Ich war immer noch stinkwütend auf Django, Zorn über Mutter kam dazu, ich entriss ihr den Henkel des Eimers. Entführte die armen Mollusken und schüttete sie über den Palisadenzaun auf die saure Wiese, neben den schmalen Bach, der dort floss.
„Stell dir vor, ich schneide durch deinen Bauch“, antwortete ich Margarethes hasserfülltem Blick.
„Ich bin längst entzwei“, entnahm ich ihrem Murmeln.
Diesen Satz hatte ich schon einmal gehört … ich muss sehr klein gewesen sein. Als ich eines Abends aufwachte, hörte ich Papa und Margarethe nebenan im Schlafzimmer streiten. Wortfetzen nur, aber mein Vater schrie. Er, der mich sonst nur liebevoll streichelte und mir schöne Dinge sagte, schrie. Mein weißes Nachthemd schleifte auf dem Boden, als ich mit meinem Krokodil ins Vorzimmer schlich, zu ihnen wollte. Sie sollten wieder lieb sein. Ich mochte die lauten Stimmen nicht hören und hielt mir die Ohren zu.
Auf einmal war es ruhig. Diese plötzliche Stille machte mir Angst. Zitternd hob ich mein Plüschtier wieder auf, drückte es an die Brust, um mich zu beruhigen. Leises Gemurmel. Dann hörte ich Margarethe weinen. „Ich bin schon entzwei“, schluchzte sie.
Worte und Bilder verschwammen. Mutter warf die Schnecken auf die Wiese, Mengen. Unverhohlen starrte ich sie an, sah, wie sie oberhalb ihres Nabels auseinanderbrach. Das Blut spritzte nicht, sondern landete in fetten Tropfen im Gras. Im Schneckentempo krochen die davon.
Bizarr.
Margarethes Herz flutschte aus der Wunde, kullerte ins Saatbeet für die Kapuzinerkresse. Mit Wasser aus der Gießkanne säuberte ich das pulsierende Ding von der Erde und steckte es wieder unter Mutters Brust. Dann lief ich zum Geräteschuppen, nahm die Rolle mit Sisalseil an mich; es diente zum Festbinden der Ranken am Geländer. Damit flickte ich die Schnittstelle über den Rippen zusammen.
„Du bist meine Blume, Helene“, sagte Margarethe zu mir und sank auf die Wiese. „Dein Selbstmordversuch hat mir das Herz gebrochen.“
Das kam unerwartet, katapultierte mich in die reale Welt zurück. Es schockierte mich. Hatte ich ihr hartes Herz durch die Operation aufgeweicht? Ich legte den Kopf in Mutters Schoß. „Die Sache vor zwei Jahren mit den Tollkirschen tut mir leid, auch wenn es eher ein Unfall war“, wiegelte ich ab, und es stimmte, denn umbringen wollte ich mich nicht wirklich.
Papas Stimme schreckt mich aus meinen Gedanken.
„Wieso starrst du denn Löcher in die Luft?“ Keinesfalls will ich ihm jetzt erzählen, dass ich an eine Phase meines Lebens gedacht habe, die er nicht besonders gut fand. „Das Schild, Papa, ich freu mich so! Ausgesprochen modern!“, lenke ich ab.
Er schmunzelt. „Man muss ja mit der Zeit gehen.“ (...)


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Eure Elsa

Dieser Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.

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